Licht und Schatten


Kein Licht ohne Schatten – Kein Schatten ohne Licht

 

 

 

Deutsch: Nr. 7 der Fotoserie "Malendes Li...

Deutsch: Nr. 7 der Fotoserie „Malendes Licht, Lebende Schatten“, 84 x 59,4 cm (Photo credit: Wikipedia)

 

„Ich bin so einsam, allein und unglücklich!“ „Wunderbar! Dann weißt Du ja auch wie es ist, glücklich und gemeinsam zu sein!“ Mein Gesprächspartner schaut mich völlig überrascht an und in diesem Augenblick verlässt er seine Rolle als Opfer eines unabwendbaren Schicksals.

 

Ich frage nach. „Wann warst Du zum letzten Mal richtig glücklich? Kannst du Dich erinnern?“
Er schaut in die Luft und denkt kurz nach. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ich hätte vor einer Minute nicht für möglich gehalten, wie schnell dieser Wandel sich bei ihm vollziehen würde. Ich muss sehr sorgfältig darauf achten bei meinen Gesprächspartnern nicht den Eindruck zu vermitteln, dass mir alles leicht fallen würde und ich überhaupt keine Probleme zu bewältigen hätte.
Das habe ich auch schon erlebt. Ein Klient, der gerade in Selbstmitleid zu ertrinken drohte und gerade sein ganzes Schicksal in Gottes Hand legte, meinte nur, dass mir ja offensichtlich alles leicht fallen würde und ich ihn nicht verstehen würde.
Ganz klar: Ich hatte den Rapport verloren. Es ist jedes Mal eine Gratwanderung. Einerseits war ich wirklich versucht, ihm Recht zu geben und den Blues mit ihm gemeinsam zu singen. Zwei gestrandete Seelen an einer Bar, die ihren Kummer in Alkohol ertränken. Der Barkeeper als Seelentröster. Miles Davis als Soundtrack. Ich natürlich mittendrin, als verständnisvoller, einsamer Detektiv Archer aus der Schwarzen Serie.
Andererseits musste er da schnell wieder raus. Ich merkte sehr schnell, dass das nicht einfach werden würde. Und tatsächlich gelingt es mir nicht immer, diesen speziellen Kontakt herzustellen, der es meinen Gesprächspartnern erlaubt, sich zu öffnen sich einfach gut zu fühlen.
Auch Rheinische Frohnaturen können zu einem Problem werden. Sie kommen völlig überdreht daher und wollen nur mal eben testen, was ich für sie tun kann. Hinter ihrer lustigen Fassade lauert oft etwas ganz Anderes, Dunkles. Hinter dem Lachen des Clowns steckt immer auch ein weinendes Gesicht. Das gehört zusammen. Immer.
Ich werde vorsichtig, wenn ich auf Menschen treffe, die angeblich nur gute Laune haben. Da stimmt was nicht.
Allerdings bin ich selbst auch jemand, der durchaus positiv und optimistisch herüberkommt. Es ist eine Frage der Einstellung zum Leben und zu anderen Menschen. Ich nehme an, dass jeder einen positiven Kern in sich hat.
Selbst das größte Ekelpaket hat etwas in sich, vor dem ich Respekt haben kann. Es ist manchmal ganz eigenartig. Ich erinnere mich an einen Mitarbeiter, der respektlos, vorlaut und extrem unangenehm wirkte. Das war nicht nur meine Wahrnehmung. Ich konnte es jeden Tag beobachten und ich wunderte mich immer wieder mit welch traumwandlerischer Sicherheit der Mensch in jedes Fettnapf trat und sich völlig respektlos gegen jedermann verhielt. Nicht einmal Vorgesetzte und Kunden waren vor seinen Zoten sicher. Ich bin ehrlich. Spätestens an diesem Punkt hat mein Verständnis ein Ende. Wie kann man sich nur so verhalten? Was trieb diesen Kerl eigentlich an? Hatte der denn überhaupt keinen Anstand? Er war ein Zyniker vor dem Herrn. Intelligent, brutal und anzüglich. Eine gefährliche Mischung.

 

Forever Miles Davis

Forever Miles Davis (Photo credit: Wikipedia)

 
Eines Tages traf ich ihn am Strand. Es war ein heißer Tag und ich war mit dem Rad an den See gefahren um ins Wasser zu springen. Ein Vater spielte mit seiner Tochter. Ich hatte ihn nicht gleich erkannt. Er hatte eine völlig andere Körperhaltung, ohne jede Aggressivität. Er fühlte sich unbeobachtet und hatte seinen harten Panzer abgelegt. Ich blieb unentdeckt und beobachtete die Beiden. Das war ein interessanter Einblick. Seine Frau kam dazu und setzte sich zu ihnen. Er war in Sicherheit. Ich sah ihn von diesem Augenblick an in einem völlig anderen Licht. Seine ganze zur Schau gestellte Überheblichkeit war in Wirklichkeit nur eine Abwehrhaltung. Mir wurde schlagartig klar, dass er sich damit instinktiv schützte. Er wollte keine Schwäche zeigen.

 

Licht und Schatten. Auch dieser Kerl hatte eine verletzliche Seite.
Immer wenn ich auf solche Charaktere treffe, muss ich daran denken. Jeder Mensch ist nicht nur gut oder nur schlecht.
Um das Gute in einem Menschen richtig würdigen zu können, muss man auch seine dunklen Seiten kennen.

 

Wie heißt es doch in diesem Rocksong? „Es gibt kein gut und kein böse. Es gibt kein arm und kein reich….“ Ich weiß nicht genau, aber das könnte von Grönemeyer sein.

 

Unfrisierte Gedanken


English: Stanisław Jerzy Lec, Polish writer

English: Stanisław Jerzy Lec, Polish writer (Photo credit: Wikipedia)

Sonntag, 30.Juni 2013 –  unfrisierte Gedanken
Unruhen in Ägypten und der Türkei. Obama jagt einen jungen Mann, der enthüllt hat, was viele von uns längst ahnten. Demokratische Staaten spionieren ihre Freunde aus. Na so was! Und nun kommen auch noch zynische Banker aus Irland hinzu, die so dumm waren das auszusprechen, was viele Banker glauben. Dumm ist das alles! Was ist das nur für eine böse Welt?
Die Welt ist in Wahrheit nicht böser, als sie es noch vor einem, vor zehn oder vor fünfzig Jahren war. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Fangen wir bei den Kommentaren zu den Unruhen in der Türkei an. Die Unruhen zeigen deutlich, dass die Türkei reif ist für Demokratie. Erinnerungen an den Herbst 1989 kommen hoch. Auch damals war Osteuropa reif für demokratische Entwicklungen. Die Tatsache, dass in der DDR nicht geschossen wurde, ist längst nicht angemessen gewertet worden. Fakt ist, dass selbst die Machtelite in der zweiten Reihe keine Gewalt wollte und bereit war für demokratische Entwicklungen. Wenn es die einfache Lösung, den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben hätte, dann hätte es einen langen aber nachhaltigen Weg in die Demokratie gegeben.

Tondokumente bringen ans Licht, mit welcher Gier, Verachtung und Ignoranz irische Banker zur Zeit der Finanzkrise agierten. Politiker sind empört – nach Angela Merkel äußert auch Wolfgang Schäuble Verachtung.
Wer weiß, wie viele zynische Bemerkungen Politiker und Wirtschaftslenker von sich geben, wenn sie sich einmal unbeobachtet fühlen oder einfach nur gestreßt sind?
Manchmal ist es durchaus befreiend, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen und Luft abzulassen. Psychologen raten sogar dazu das innere Team zu einem Meeting einzuberufen und kontrovers diskutieren zu lassen. Was, wenn man widerstrebende Rollen und Gedanken aufschreibt und speichert? Was passiert mit einem Auszug unserer Gedanken, wenn sie in falsche Hände geraten? Psychologen raten dazu Tagebuch zu schreiben und Erlebnisse und Ereignisse zu reflektieren. Dabei kann und soll jeder frei nach dem Motto: “Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?”, alles aufschreiben, was er gerade denkt und fühlt.
Mir geht es gut, wenn ich schreibe. Dann und nur dann befinde ich mich im Flow. Meine Gedanken finden ihren Weg in den Computer und es ist meine ganz persönliche Entscheidung, ob ich sie frei lasse und veröffentliche. Veröffentlichen geht heute ganz einfach. Man braucht nicht mal mehr einen Verlag.
Kennen Sie den polnischen Schriftsteller Stanisław Jerzy Lec? (* 6. März 1909 als de Tusch-Letz in Lemberg; † 7. Mai 1966 in Warschau) war ein polnischer Lyriker und Aphoristiker. Lec ist mir besonders bekannt durch seine “Unfrisierten Gedanken”. Unfrisierte Gedanken sind das Fundament der Demokratie, wie ich sie verstehe. Erstaunlich, dass diese unfrisierten Gedanken eines Stanislaw Lech in der Zeit des Stalinismus in Polen erscheinen konnten. Aber nichts ist nur schwarz oder weiß. es gibt immer Grautöne und manchmal schiebt die Sonne auch graue Wolken auseinander und blendet uns mit ihren Strahlen. Das ist zu jeder Zeit so gewesen. Auch heute ist nicht alles hoffnungslos und verloren.
Die Enthüllungen eines Edward Snowden und dessen Verfolgung durch die amerikanischen Behörden gehört zur Demokratie dazu. Diktaturen würden nicht lange fackeln und die unangenehme Angelegenheit anders erledigen.

Vor kurzem war ich Zeuge einer handfesten Auseinandersetzung über den Blog einer guten Freundin. Marie setzt sich kritisch mit ihrer eigenen Rolle im DDR Sport auseinander. Eine  privilegierte Spitzensportlerin, die ihre Vergangenheit aufarbeitet. Auch hier lese ich unfrisierte Gedanken. Die Antwort auf einen Artikel überraschte mich sehr. Eine anonym auftretende Posamunde schrieb folgende Zeilen:
“Was ist das denn: “…Gewitter mit Platzreben…” Hagelte es geplatze Weintrauben? Wie kann man nur so engstirnig sein? Nicht alles in der DDR war Verdammnis, Lüge oder Einschränkung. Die Schulbildung – tausendmal besser als heute. Kindergärten – gab es wenigstens für alle, so dass Mütter weiterarbeiten konnten. Ausländer – gab es, waren aber angepasst und integriert, ansonsten bekamen sie schneller ein Rückflugticket, als ihnen lieb war. Sie berachten die ehemalige DDR viel zu einseitig und aus Ihrer SIcht. Ich bin auch in der DDR groß geworden, mir hat weder Kinderkrippe noch Kindergarten noch Fahnenappell geschadet, lernte ich doch Begriffe wie Respekt, Rücksicht und Anstand. SIe sind nicht nur in Zimmer 16 eine Fehlbesetzung – Sie sind eine komplette Fehlbesetzung im Leben.”

Ich dachte, ich lese nicht richtig und las mir den zugrundeliegenden Artikel noch einmal durch. Ich fand nichts, was eine derartige Reaktion provozieren würde. Frau Posamunde hatte sich nicht nur im Ton vergriffen, sondern sämtliche Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Das wird ihr persönlich nicht einmal klar sein. Ich finde es dennoch interessant, hatte ich doch fast vergessen, dass derartige Meinungen immer noch an der Tagesordnung sind.
Die DDR wäre nicht so schlimm gewesen, heute wäre es auch nicht besser und ein wenig mehr Respekt und Anstand stünde Jedem gut. Ausländer hätten damals schneller ein Rückflugticket bekommen. Ich schäume! Das ist doch nicht zu fassen! Und dann noch die Bemerkung mit der Fehlbesetzung im Leben. Das kann doch nicht wahr sein! So etwas kann ich nicht dulden. Da muss ich etwas sagen! Ich muss es sehr laut und eindeutig sagen und möglicherweise schreien. Ich SCHREIbE es! Diese Bemerkung ist vollkommen unakzeptabel und unreif. In so einem Land bin ich aufgewachsen? Solche Nachbarn hatte ich? Unglaublich! Die Krönung an Frau Posamunde war dann dieses Pseudoraushaltegequatsche. Das hörte sich fast an wie Opposition. Sie war niemals in der Partei oder in der FDJ gewesen und hätte doch studieren können. Ich kenne eine Reihe von SED Leuten, die kritischer mit der Geschichte umgegangen sind als diese besagte Posamunde. Mehr will ich dazu nicht schreiben. Das ist es nicht wert.