Unfrisierte Gedanken


English: Stanisław Jerzy Lec, Polish writer

English: Stanisław Jerzy Lec, Polish writer (Photo credit: Wikipedia)

Sonntag, 30.Juni 2013 –  unfrisierte Gedanken
Unruhen in Ägypten und der Türkei. Obama jagt einen jungen Mann, der enthüllt hat, was viele von uns längst ahnten. Demokratische Staaten spionieren ihre Freunde aus. Na so was! Und nun kommen auch noch zynische Banker aus Irland hinzu, die so dumm waren das auszusprechen, was viele Banker glauben. Dumm ist das alles! Was ist das nur für eine böse Welt?
Die Welt ist in Wahrheit nicht böser, als sie es noch vor einem, vor zehn oder vor fünfzig Jahren war. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Fangen wir bei den Kommentaren zu den Unruhen in der Türkei an. Die Unruhen zeigen deutlich, dass die Türkei reif ist für Demokratie. Erinnerungen an den Herbst 1989 kommen hoch. Auch damals war Osteuropa reif für demokratische Entwicklungen. Die Tatsache, dass in der DDR nicht geschossen wurde, ist längst nicht angemessen gewertet worden. Fakt ist, dass selbst die Machtelite in der zweiten Reihe keine Gewalt wollte und bereit war für demokratische Entwicklungen. Wenn es die einfache Lösung, den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben hätte, dann hätte es einen langen aber nachhaltigen Weg in die Demokratie gegeben.

Tondokumente bringen ans Licht, mit welcher Gier, Verachtung und Ignoranz irische Banker zur Zeit der Finanzkrise agierten. Politiker sind empört – nach Angela Merkel äußert auch Wolfgang Schäuble Verachtung.
Wer weiß, wie viele zynische Bemerkungen Politiker und Wirtschaftslenker von sich geben, wenn sie sich einmal unbeobachtet fühlen oder einfach nur gestreßt sind?
Manchmal ist es durchaus befreiend, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen und Luft abzulassen. Psychologen raten sogar dazu das innere Team zu einem Meeting einzuberufen und kontrovers diskutieren zu lassen. Was, wenn man widerstrebende Rollen und Gedanken aufschreibt und speichert? Was passiert mit einem Auszug unserer Gedanken, wenn sie in falsche Hände geraten? Psychologen raten dazu Tagebuch zu schreiben und Erlebnisse und Ereignisse zu reflektieren. Dabei kann und soll jeder frei nach dem Motto: “Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?”, alles aufschreiben, was er gerade denkt und fühlt.
Mir geht es gut, wenn ich schreibe. Dann und nur dann befinde ich mich im Flow. Meine Gedanken finden ihren Weg in den Computer und es ist meine ganz persönliche Entscheidung, ob ich sie frei lasse und veröffentliche. Veröffentlichen geht heute ganz einfach. Man braucht nicht mal mehr einen Verlag.
Kennen Sie den polnischen Schriftsteller Stanisław Jerzy Lec? (* 6. März 1909 als de Tusch-Letz in Lemberg; † 7. Mai 1966 in Warschau) war ein polnischer Lyriker und Aphoristiker. Lec ist mir besonders bekannt durch seine “Unfrisierten Gedanken”. Unfrisierte Gedanken sind das Fundament der Demokratie, wie ich sie verstehe. Erstaunlich, dass diese unfrisierten Gedanken eines Stanislaw Lech in der Zeit des Stalinismus in Polen erscheinen konnten. Aber nichts ist nur schwarz oder weiß. es gibt immer Grautöne und manchmal schiebt die Sonne auch graue Wolken auseinander und blendet uns mit ihren Strahlen. Das ist zu jeder Zeit so gewesen. Auch heute ist nicht alles hoffnungslos und verloren.
Die Enthüllungen eines Edward Snowden und dessen Verfolgung durch die amerikanischen Behörden gehört zur Demokratie dazu. Diktaturen würden nicht lange fackeln und die unangenehme Angelegenheit anders erledigen.

Vor kurzem war ich Zeuge einer handfesten Auseinandersetzung über den Blog einer guten Freundin. Marie setzt sich kritisch mit ihrer eigenen Rolle im DDR Sport auseinander. Eine  privilegierte Spitzensportlerin, die ihre Vergangenheit aufarbeitet. Auch hier lese ich unfrisierte Gedanken. Die Antwort auf einen Artikel überraschte mich sehr. Eine anonym auftretende Posamunde schrieb folgende Zeilen:
“Was ist das denn: “…Gewitter mit Platzreben…” Hagelte es geplatze Weintrauben? Wie kann man nur so engstirnig sein? Nicht alles in der DDR war Verdammnis, Lüge oder Einschränkung. Die Schulbildung – tausendmal besser als heute. Kindergärten – gab es wenigstens für alle, so dass Mütter weiterarbeiten konnten. Ausländer – gab es, waren aber angepasst und integriert, ansonsten bekamen sie schneller ein Rückflugticket, als ihnen lieb war. Sie berachten die ehemalige DDR viel zu einseitig und aus Ihrer SIcht. Ich bin auch in der DDR groß geworden, mir hat weder Kinderkrippe noch Kindergarten noch Fahnenappell geschadet, lernte ich doch Begriffe wie Respekt, Rücksicht und Anstand. SIe sind nicht nur in Zimmer 16 eine Fehlbesetzung – Sie sind eine komplette Fehlbesetzung im Leben.”

Ich dachte, ich lese nicht richtig und las mir den zugrundeliegenden Artikel noch einmal durch. Ich fand nichts, was eine derartige Reaktion provozieren würde. Frau Posamunde hatte sich nicht nur im Ton vergriffen, sondern sämtliche Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Das wird ihr persönlich nicht einmal klar sein. Ich finde es dennoch interessant, hatte ich doch fast vergessen, dass derartige Meinungen immer noch an der Tagesordnung sind.
Die DDR wäre nicht so schlimm gewesen, heute wäre es auch nicht besser und ein wenig mehr Respekt und Anstand stünde Jedem gut. Ausländer hätten damals schneller ein Rückflugticket bekommen. Ich schäume! Das ist doch nicht zu fassen! Und dann noch die Bemerkung mit der Fehlbesetzung im Leben. Das kann doch nicht wahr sein! So etwas kann ich nicht dulden. Da muss ich etwas sagen! Ich muss es sehr laut und eindeutig sagen und möglicherweise schreien. Ich SCHREIbE es! Diese Bemerkung ist vollkommen unakzeptabel und unreif. In so einem Land bin ich aufgewachsen? Solche Nachbarn hatte ich? Unglaublich! Die Krönung an Frau Posamunde war dann dieses Pseudoraushaltegequatsche. Das hörte sich fast an wie Opposition. Sie war niemals in der Partei oder in der FDJ gewesen und hätte doch studieren können. Ich kenne eine Reihe von SED Leuten, die kritischer mit der Geschichte umgegangen sind als diese besagte Posamunde. Mehr will ich dazu nicht schreiben. Das ist es nicht wert.

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