nur eine Zugfahrt


Es gibt diese Tage, an denen man sich fragt, ob man noch im richtigen Zug sitzt. Das Ziel ist klar. Es steht auf dem Ticket. Wir wissen wohin die Reise geht. Eigentlich. Und dann sitzen wir in einem leeren Abteil, hören Musik, schauen aus dem Fenster und sehen die Landschaft an uns vorbeifliegen. Das Ziel ist klar. Das Ticket ist bezahlt. Wir haben viel Zeit, sehen ziellos aus dem Fenster und lassen unsere Gedanken einfach schweifen. Plötzlich springt uns eine neue Idee an. Die Gedanken sind frei. Sie fliegen zu neuen Horizonten. Wollen wir wirklich dieses Ziel weiter verfolgen? Oder wollen wir nicht viel lieber am nächsten Bahnhof aussteigen und die Richtung wechseln? Fahren wir ruhig noch ein wenig weiter und lassen wir unseren Wünschen, Hoffnungen und Gefühlen freien Lauf! Was fühlen wir, wenn wir unser Ziel erreicht haben? Was sehen wir und wer erwartet uns dort? Ist es das, was wir wollen? Oder haben wir äußeren Zwängen nachgegeben? Machen wir das, was wir immer schon wollten? Wer wollen wir einmal sein? Wer sind wir? Gibt es andere Ziele, die uns besser gefallen würden? Niemand kann unsere Gedanken aufhalten. Wenn sie einmal freigelassen sind, dann kommen sie immer wieder.
Was meinen Sie, wie Andere heute über Sie denken? Was glauben Freunde, Kollegen und Bekannte über Sie? Wie werden Sie als Mensch wahrgenommen? Werden Sie geliebt, bewundert, gehasst oder gefürchtet? Wie wollen Sie sein? Wer ist der Mensch, der da jetzt im Zug sitzt und nachdenkt? Wer will dieser Mensch eines Tages sein? Wo wollen Sie sein, wenn sie das Rentenalter erreicht haben? Wo wollen Sie in zehn Jahren sein?

Ich denke oft an eines meiner Schlüsselerlebnisse in meinem alten Berufsleben nach. Ich hatte einige dieser Aha-Erlebnisse, aber dieses hier hat mich zum Nachdenken gebracht. Ein etwa 15 Jahre älterer Kollege war gerade durch einen Vorgesetzten auf eine unglaublich unprofessionelle Art und Weise abgebürstet worden. Es war ein Lehrstück, das sich da abspielte. Der Chef war im Unrecht. Jeder im Raum wusste das. Aber der Chef hatte die Macht und die Unverfrohrenheit diesen Mann zu beleidigen und klein zu machen. Ich konnte erkennen, wie sehr es ihm Freude bereitete seine Macht auszuspielen. Er blickte sich triumphierend um und wollte die Reaktionen der anderen Mitarbeiter sehen. Er tänzelte wie der Diktator auf dem Berghof. Dieses lächerliche Tänzeln alter und mächtiger Männer. Sie haben das Bild? Die meisten wendeten sich ab, taten so als sei nichts geschehen. Andere schauten betreten drein. Es war ein erbärmliches Lehrstück. Der Chef hatte tatsächlich eine perverse Freude an der Szene. Das machte ihn für mich zu einem Versager. Der Kollege war eingeschüchtert und völlig am Ende. Später machte er eine Bemerkung, die mich berührte: „Komm Du erstmal in mein Alter! Dann machen sie auch mit dir, was sie wollen!“ Es stimmte. Ich hatte mein halbes Berufsleben noch vor mir. In den 30ern denkt man nicht darüber nach, welche Möglichkeiten man mit 45 hat. Der Kollege sah für sich keine andere Möglichkeit als bis zur Rente durchzuhalten. Er hatte ja schließlich bereits die Hälfte geschafft.
Ich konnte mir plötzlich nicht mehr vorstellen, dort für den Rest meines Lebens zu bleiben. Ich hatte keine Lust mich in einer Situation wie dieser als Opfer eines unberechenbaren Vorgesetzten zu sehen. Das würde ich nicht ertragen.

Das war der Wendepunkt. Ich begann aktiv das Führungsverhalten meiner Kollegen und Vorgesetzten zu beobachten und einzuordnen. Ich studierte die einschlägige Managementliteratur und stellte sehr schnell fest, dass es da einen krassen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis gab. Theorie und Praxis. Überlegene Führungskultur und abgrundtief unfähige Manager. Das passte alles irgendwie nicht zusammen. Ich ahnte, dass in diesem Unternehmen nicht die besten Manager tätig waren. Es wurde deutlich, dass die meisten meiner Kollegen einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Leitung und Führung von Mitarbeitern hatten. Aber dafür war in dem mittelständischen Unternehmen kein Geld vorhanden. Man kaufte sich Kompetenz lieber durch Neueinstellungen von außen ein. Der cholerische Geschäftsführer, selbst ein Mann Mitte 50, stellte gerne junge Leute ein, denen er alles versprach was sie hören wollten. Es war offensichtlich, dass er seine eigenen begrenzten Fähigkeiten auf alle anderen projizierte. Ich nahm an einem privat finanzierten Konfliktmanagementseminar teil und begann mich freizumachen. Der Zug fuhr weiter und ich fuhr noch ein paar Jahre die gleiche Strecke. Aber ich hatte längst ein anderes Ziel für mich gefunden. Wenn ich heute an diese Erlebnisse von damals denke, dann frage ich mich nur, warum ich das so lange mitgemacht hatte. Ich habe viel zu viel Zeit dafür gebraucht um mein Ziel zu definieren und die Zwischenziele zu benennen. Ein Coaching hätte mir ganz sicher dabei geholfen, viel schneller anzukommen.

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