Kompetenzwahrnehmung


Helmut Schmidt

Helmut Schmidt (Photo credit: Wikipedia)

Coaching ist zu einem sehr großen Teil Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzwahrnehmung. Psychologen haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von Modellen entworfen, wie unser Wissen und unsere Fähigkeiten klassifiziert und ausgewertet werden kann.

Der typische Lernprozess wird in vier Stufen aufgeteilt:
Stufe 0 – Unbewusste Inkompetenz
Stufe 1 – Bewusste Inkompetenz
Stufe 2 – Bewusste Kompetenz
Stufe 4 – Unbewusste Kompetenz

Es ist klar, dass ein erfahrener Fahrer eines PKW nicht mehr über einzelne Schritte wie  kuppeln, bremsen, schalten und gasgeben nachdenken muss. Ein Fahrschulanfänger hat da schon ganz andere Probleme, die ihm vor seiner ersten Fahrstunde nicht einmal bewusst waren. Bei der Entwicklung von Persönlichkeit und Führungskompetenz ist das ganz ähnlich. Viel zu oft beobachten wir Führungskräfte, die nur eine unterentwickelte Führungskompetenz besitzen. Sehr oft fühlen sich angehende Führungskräfte bestätigt, wenn sie einen Chef-Posten angeboten bekommen. Ein klarer Fall von unbewusster Inkompetenz. Nur wenn die eigene Führungskompetenz nicht nur subjektiv wahrgenommen oder geglaubt wird, sondern sich auch durch Fremd- und Selbstbeobachtung evaluieren lässt, ist der betreffende Manager auf einem richtigen Weg. Eine wichtige Grundlage für Führungskräfte auf allen Ebenen von Unternehmen aller Art und Größe ist ein Assessment und eine individuelle Ausbildung von Managern. Die Einschätzung von Führungskräften sollte durch unabhängige Tests unterlegt werden. Eine Beurteilung nur durch direkte Vorgesetzte oder gar durch unreflektierte Mitarbeiterbefragungen sollte nur im Zusammenhang mit einem unabhängigen Assessment vorgenommen werden. Anderenfalls besteht die Gefahr der subjektiven Fehleinschätzung. Selbsterfüllende Prophezeihungen: “Ich bin ein toller Chef!” stellen eine große Gefahr dar. Aus diesem Grunde halten erfahrene Coaches viel von einer gesunden Selbstreflektion. Ausgeglichene und selbstbewusste Führungskräfte sind offen für kritische Fragen. Sie wissen genau, dass niemand perfekt ist und es immer noch Möglichkeiten der Weiterentwicklung gibt. Es ist eine Frage der Balance. Manche Führungskräfte müssen ihre überkritische Selbstwahrnehmung einschränken lernen und den Fokus auf ihre – durchaus vorhandenen – Fähigkeiten legen. Viel wichtiger ist aber der Anteil der – per Order de Mufti – eingesetzten Führungskräfte, die erst lernen müssen, dass sie viel zu lernen haben. Deren Inkompetenz wird jeden Tag peinlich deutlich und manchen von ihnen gelingt sogar eine jahrelange Karriere, weil sie sich mit Ja-Sagern umgeben, die ganz genau wissen, wie man einen solchen Chef für seine eigenen Zwecke benutzt. Karrieren wie die des aktuellen Chefs des Pannenflughafens BER scheinen genau nach diesem Muster gestrickt zu sein, obwohl wir gerne annehmen wollen, dass Horst Mehdorn tatsächlich über überdurchschnittliche Führungskompetenzen verfügt. Die Aussenwahrnehmung geht eher in die Richtung Machtmensch, der seine Kritiker einfach beiseite räumt. Der Zustand der BAHN spricht eine ganz andere Sprache. Die Ursachen liegen inzwischen recht offen. Es darf davon ausgegangen werden, dass Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr willens und in der Lage sind sich irgendwie zu verändern oder zu lernen. Helmut Schmidt hatte das mit einem Augenzwinkern in einem Interview angemerkt, dass man alte Männer wie ihn nicht mehr zu Veränderungen bringen kann. Altersweisheit überwiegt ab einem bestimmten Alter – hoffentlich – Altersstarrsinn. Eine gesunde Art der Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit zur Selbstkritik gehört zu den Kompetenzen von Führungskräften.

English: self-portrait of Wilhelm Busch Lëtzeb...

English: self-portrait of Wilhelm Busch Lëtzebuergesch: E Selbstporträt vum Wilhelm Busch aus dem Joer 1894. (Photo credit: Wikipedia)

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
so hab‘ ich erstens den Gewinn,
daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen
vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff‘ ich außerdem
auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
daß ich ein ganz famoses Haus.

(Wilhelm Busch)

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