Verhaltensanalyse – Cholerischer Chef


Der Klient beschrieb den Vorfall wie folgt: “Ich hatte einen Termin beim Chef. Ich wollte mit ihm über eine Gehaltserhöhung sprechen, die er mir bei der Einstellung versprochen hatte. Mir war klar, dass es nicht einfach werden würde, mit dem Chef zu reden, denn er ist im Unternehmen als unberechenbarer Choleriker bekannt……” Ich hörte aufmerksam zu. Cholerische Chefs sind längst so eine Art Spezialdisziplin für mich geworden. Ich habe derartige Ausfälle schon selbst erlebt und ich denke, dass es zwei Sorten von cholerischen Chefs gibt. Es gibt tatsächlich die pathologische Variante der extravertierten Menschen, die sich nicht im Griff haben und völlig unkontrolliert ausrasten. Interessant ist aber auch die zweite Sorte cholerischer Chefs. Sie haben gelernt, dass ihr Umfeld zurückschreckt und sie sich Probleme vom Hals halten können, wenn man sie nicht berechnen kann. Hier scheint es sich um eine Form von geheimen Managementwissen zu handeln. Zumindest glaubt eine spezielle Sorte von Führungskräften, dass es hilfreich ist, sich so zu verhalten.

Ich sammle derartige Erlebnisse und Vorfälle. Die Choleriker selbst bekomme ich meistens nicht einmal zu Gesicht. Sie brauchen keinen Coach. Choleriker sind wie Alkoholiker. Sie sehen in der Regel überhaupt nicht ein, dass sie Hilfe brauchen und dringend an sich arbeiten müssen. Man kann ihnen kaum helfen und jeder aus dem sozialen Umfeld wird schmerzhaft feststellen, dass der Patient sich selbst und sein Umfeld schwer in Mitleidenschaft ziehen kann.  Choleriker und Coaching, das passt nicht zusammen. Das ist genau der Typ Mensch, der unglaublich beratungsresistent, aber oft auch sehr einsam ist. Choleriker leben in einer Art selbstgebautem Hochsicherheitsgefängnis. Sobald sich jemand nähert, beginnen sie sich lautstark zu verteidigen.  Sie schießen sofort, ohne vorher zu fragen. Choleriker handeln unberechenbar und affektiv. Genau das ist das Problem, mit dem diese Menschen umzugehen haben. Choleriker haben eine Reihe von Problemen. Das Umfeld von Cholerikern ist wirklich nicht zu beneiden. Choleriker selbst sind ebenfalls nicht zu beneiden.
Mein Klient fuhr unterdessen fort, sein Erlebnis zu beschreiben: “Ich hatte schon davon gehört, dass der Chef noch nie eine Gehaltserhöhung vorgenommen hatte. Das war in dem Unternehmen ein Tabu-Thema. Aber ich musste es versuchen, denn er hatte es mir doch versprochen. Er saß an seinem Schreibtisch. Ein kompletter Flügel des Schreibtischs war voller Akten. Vor ihm stand ein großer Flachbildschirm und ein Telefon. Er ahnte wohl, was ich von ihm wollte, bat mich Platz zu nehmen und als ich saß, konnte ich sehen, wie sein Puls zu steigen begann. Er fixierte mich und wurde langsam rot, seine Halsschlagader begann anzuschwellen. Zunächst noch einigermaßen ruhig, erklärte er mir, dass er noch nie eine Gehaltserhöhung vorgenommen hätte. Ich erwiderte mutig, dass wir ja bei meiner Einstellung über eine Gehaltserhöhung gesprochen hätten….. Unversehens explodierte der Mann. Von einem Augenblick auf den anderen hatte er sich nicht mehr ihm Griff. Er wurde puterrot und schrie mich an: ‘Sie haben mich nicht verstanden! Ich habe noch nie…..’ Im selben Augenblick sprang er auf wie ein wildes Tier und räumte seinen Schreibtisch leer. Rechts –  der Stapel mit den Unterlagen flog durch den Raum und dann links – das Telefon zerschellte an der Wand. Der Monitor wackelte bedenklich, blieb aber am Leben. Ich war erschüttert, stand auf und verließ den Raum. Dem Mann war nicht zu helfen und ich würde ganz sicher hier kündigen. Eine Gehaltserhöhung bekam ich hier nicht und es war nie mein Plan gewesen, für dieses kleine Einstiegsgehalt weiter meine Zeit zu verschwenden. Am nächsten Tag war der Chef ganz normal und tat so als wäre nie etwas geschehen. Ich verließ das Unternehmen noch in derselben Woche. Das war eine sehr gute Entscheidung.” Mein Gesprächspartner schaute mich ruhig an. Er hatte die Ereignisse offensichtlich gut verarbeitet. Ich nickte. Der Mann hatte die einzig richtige Entscheidung getroffen. Der Rest der Belegschaft würde noch lange unter diesem Chef leiden. Der cholerische Chef hatte sein Verhalten sehr lange konditioniert und er lebte gut damit. Die Mitarbeiter duckten sich und versuchten alles zu veremeiden, was den Chef in diese Situation bringen würde. Vermutlich haben sie gute Gründe, sich so etwas gefallen zu lassen.

Um das Verhalten von Chef und Mitarbeitern zu erklären, bietet sich die Verhaltenstherapie an. Ich werde versuchen anhand des sogenannten SORKC-Schemas zu erklären, wie ein cholerische Anfall abläuft und was da genau passiert. Das SORKC-Schema wurde von G.A. Saslow entwickelt. Es gilt in der Psychologie mittlerweile als STANDARD für die Erklärung pathopsychologischen Verhaltens und einer Beschreibung des Ablaufs in einer konkreten Situation.
Das SORKC- Modell wurde von Frederick Kanfer im Zuge der kognitiven Orientierung der Verhaltenstherapie in den 1970er Jahren um Burrhus Frederic Skinner entwickelt. Kanfer selbst wollte das SORKC-Modell eher als Arbeitshypothese verstanden wissen.  Er versuchte immer auch auf andere Ansätze und Entwicklungen hinzuweisen. Die axiomhafte Anwendung des SORKC-Schemas bekämpfte er entschlossen.

Cholerischer Anfall

  • S: Der Chef wird vor eine Entscheidung gestellt, die er nicht lösen kann (externe auslösende Situation).
  • O: Sich Sorgen zu machen, Probleme zu verdrängen und sich über “unfähige” Mitarbeiter aufzuregen gehört zum Denkstil des Chefs. Er fühlt sich einsam unter vielen unfähigen und unmotivierten Mitarbeitern, die alle nur faule Nichtsnutze sind.
  • R(kognitiv): „Was bildet sich der Mitarbeiter eigentlich ein? Wer ist hier der Chef?“
  • R(emotional): steigende Wut, starke Beunruhigung
  • R(physiologisch): Anspannung, Unruhe, steigender Puls, wird rot.
  • R(motorisch): Er springt auf, brüllt den Mitarbeiter an, schlägt mir der Faust auf den Tisch und verliert völlig die Kontrolle über sich und die Situation.
  • C-/: Als Konsequenz (C) tritt bei der Person eine Spannungsreduktion auf, jedoch verstärkt sich hierdurch der heilsame Zwang zur Entspannung (R(motorisch)). Die Reduktion der unangenehm empfundenen Spannung wird als negative Verstärkung (C-/) bezeichnet.
  • K: Nach dem Kontrollieren (R) entspannt er sich (C-/) mit hoher Wahrscheinlichkeit. Bei untergeordneten Mitarbeitern hat das keinerlei negative Konsequenz für den Chef. Im Gegenteil. Er hat seine Macht demonstriert und das tat ihm gut. Die Wut läßt nach und das Machtgefühl fühlt sich angenehm an.

Soweit zum beobachteten Verhalten. Es dürfte in den meisten Fällen schwierig sein, den Choleriker persönlich direkt in eine Therapie zu bekommen. Das wird nur möglich, wenn dem Choleriker sein krankes Verhalten klar wird und er andere Konsequenzen zu spüren bekommt. In den meisten Fällen ist es für Opfer von cholerischen Anfällen – hier die Mitarbeiter – immer angeraten, nicht sofort auf die Situation einzugehen und sich schnell aus dem Schussfeld zu begeben. Nur wenn es gelingt, das Muster der scheinbaren Erfolges und der positiven Konsequent für den Choleriker (keine kritischen Fragen mehr, peinliches Schweigen, erfolgreiche Machtdemonstration wird nicht mehr erlebbar) zu durchbrechen, kann es zu einem anderen Lerneffekt kommen. Im beschriebenen Fall ist der ERFOLG des Chefs lange und wiederholt konditioniert worden. Der erfolgreiche Chef kann so etwas tun, weil es keine negativen Konsequenzen für ihn hat. Interessanterweise handeln chlorische Chefs gegenüber Vorgesetzten ganz anders. Ich habe noch nie einen Choleriker beobachtet, der gegenüber einem Besitzer, Kapitalgeber oder einem Gleichgestellten so austicken würde, wie bei einem Untergebenen. Es stellt sich der Verdacht ein, dass Choleriker vielleicht doch nicht so unberechenbar handeln, wie es den Anschein hat.

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