Coach Interview – Juni 2015


Warum sind Sie Coach? Warum studieren Sie nicht einfach Psychologie, machen dann eine Ausbildung und arbeiten anschließend als Therapeut?

Einfache und schnelle Antwort: Dafür fehlt mit einfach die Zeit. Ich habe meine erste berufliche Karriere bereits hinter mir und baue auf langjährige Erfahrungen auf. Wenn ich ganz am Anfang wäre,  würde ich vielleicht genau das tun. Aber dann wäre ich heute vermutlich Professor in genau diesem Bereich. Ganz ernsthaft: hätte,  würde und sollte ist nicht mein Thema. Ich bin Pragmatiker und genau darum bin ich Coach. Ich wollte früher nie Psychologe oder Therapeut werden. Ein Medizinstudium war am Beginn meiner beruflichen Entwicklung kein Thema. Ich war in den 80ern von Computeren fasziniert. Also war mein Ziel mich damit zu befassen.
Ich bringe Erfahrungen aus IT und Wirtschaft mit, verfüge über Empathie,  Projektwissen und Managementwissen. Ich war bereits Coach, als ich vor Jahren mit einer Coachingausbildung begann. Das ist kein Witz oder Widerspruch. Coaching ist genau mein Ding! – um es mal ganz locker auszusprechen. Ich kann als Coach genau das tun, was ich immer schon getan habe, nur eben besser und gezielter. Für mich war Coaching eine Entdeckung! So werden mir Dinge möglich,  die ich früher nicht für möglich gehalten hätte.

Und das Beste daran: Ich kann mich, mit meinem Selbstverständnis als Coach, tatsächlich permanent weiterbilden und aktiv weiterentwickeln. Ich spüre jeden Tag, dass ich als Coach etwas bewegen kann. Ich vermute, dass ich einen völlig anderen Weg gegangen wäre, wenn ich Psychologie studiert hätte und Therapeut geworden wäre. Dann hätte ich einen völlig anderen Blick auf Technologie und Kybernetik.

Als Coach arbeiten Sie ja auch sehr nahe an der Grenze zu Psychotherapie. Darf man das? Wie gehen Sie damit um?

Das ist eine sehr interessante Frage. Es stimmt. Ein Coach wird sehr oft als psychologischer Berater bezeichnet. Er arbeitet ressourcenorientiert und sein Ziel ist, um es kurz zu sagen, die Persönlichkeitsentwicklung seines Klienten zu beschleunigen. Ein Coach checkt den Klienten auf psychische Probleme. Er muss also eine Ahnung von psychischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen haben. Es gibt eine Menge von Leuten,  die vorgeben als Coach zu agieren, die aber keine Ahnung haben, was sie da tun. Lassen Sie mich klar sagen, dass es nicht ausreicht, ein paar CoachingTools zu beherrschen. Nach meinem Verständnis muss ein Coach eher wie ein Therapeut denken und arbeiten. Die Nähe zu Seelsorgern habe ich in der Vergangenheit bereits öfter hergestellt. Niemand wird von einem Pfarrer verlangen, dass er auch noch Psychotherapeut wird. Ein erfahrener Manager kann als Coach arbeiten, wenn er sich in diese Richtung weitergebildet hat. Die Grenzen zur Therapie werden regelmäßig berührt und überschritten. Das war mir persönlich am Anfang auch nicht ganz klar. Mittlerweile habe ich mich an den Gedanken gewöhnt auch diese Grenzen zu akzeptieren.

Einem Coach ist es selbstverständlich untersagt, als Scharlatan aufzutreten und Heilung zu versprechen. Es ist aber nicht ausgeschlossen,  dass Coaching gewisse positive Nebenwirkungen hat. Denken Sie an einen Personal Trainer oder Fitness Coach.

Wie sind Sie zum Coaching gekommen? Was war Ihr Aha-Erlebnis?

Mein Aha-Erlebnis hatte ich in der Zeit, nachdem ich mich als IT Berater selbstständig gemacht hatte. Ich war sehr aktiv auf der Suche nach Geschäftspartnern und Auftraggebern. Der Beitritt als Coach in eine Unternehmerberater AG war ein absoluter Fehlgriff. Damals war es ein logischer Schritt für mich. Mir war klar, dass ich als einzelner Berater keine Chance hatte. Aber als Partner eines großen Beraterverbundes würde ich vermutlich sehr schnell zum Arbeiten kommen. Das war ein Irrtum. Ich habe mein Lehrgeld bald abgezahlt und kann nur davor warnen. Nähere Informationen gebe ich gerne auf Anfrage.
Mein eigentliches Schlüsselerlebnis war der Besuch eines Rednerclubs in Berlin. Dort treffen sich regelmäßig Führungskräfte aus der Industrie und Wirtschaft um ihre rhetorischen Fähigkeiten zu erweitern und Networking zu betreiben.
Dort trat ein charismatischer Mann auf, dessen Werdegang mich interessierte. Ich ging nach dem offiziellen Teil auf ihn zu und fragte ihn einfach, was ich tun müsse um das zu erreichen, was er erreicht hatte.

Er überreichte mir einen Gutschein für einen kostenlosen Schnupperkurs. Das war der Beginn meiner Coachingausbildung. Ich schnupperte ein ganzes Wochenende und blieb dann einfach im Kurs. Ich habe es nicht bereut.

Mir war von Anfang an klar, dass ich genau das machen wollte.

Wo sehen Sie die Grenzen von Coaching?

Ganz klar. Die Grenzen von Coaching sind immer dann deutlich, wenn es um eine versicherungspflichtige Anstellung in einem Unternehmen geht. Coaching ist keine staatlich anerkannte Profession. Hier ist es in Deutschland sicher besser, wenn man Medizin, Sozialarbeit oder Psychologie studiert hat. Als Quereinsteiger aus der Industrie wird es eher schwer, im bio-psycho-sozialen Bereich Fuß zu fassen. Quereinsteiger haben es hierzulande besonders schwer.
Als Coach in der Industrie funktioniert das schon eher. Aber auch hier kommt es darauf an, wo man herkommt. Eine branchenfremde Ausbildung verschließt oft die Möglichkeit als Coach zu arbeiten. Coaching wird in der Industrie immer als I-Tüpfelchen angesehen. Das ist im Gesundheitswesen genau das Gleiche. Ein Ingenieur mit jahrelanger Führungserfahrung wird wohl kaum ein Pflegeheim oder eine Klinik leiten. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber ich denke, dass die Grenzen von Coaching sehr eng gesteckt sind.

Selbstverständlich ist eine gute Ausbildung als Coach sehr wichtig. Es gibt sehr viele Menschen, die sich berufen fühlen und glauben sehr viel Empathie zu besitzen und mit Menschen arbeiten zu können. Erst kürzlich hörte ich einen Ausspruch, der mich beschäftigte. Eine junge Frau, mit der ich mich über Coaching und Therapie unterhielt, sagte wortwörtlich: “Ich habe die Gabe…..” Ich hörte mir aufmerksam an, wie sie ihre Gabe definierte und wie sie sie einsetzte. Ich empfahl ihr Irwin D.Yalom und Carl Rogers zu lesen.

Ich bin gespannt, ob sie diesem Rat folgt. (Ich weiß! Ich hasse Ratschläge!) Tipp! Rogers und Yalom sind sicher keine typischen Vertreter der neuen Bewegung, die man heute Coaching nennt. Ich denke aber, dass eine gewisse Verwandtschaft und Nähe zum Coaching erkennbar wird.
Die meisten Vertreter von Coaching kommen aus den Vereinigten Staaten und dort speziell aus dem psychosozialen Bereich. Das führt aber heute zuweit. Später mehr!

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