Bitte schenkt mir keine Bücher mehr!


Bitte schenkt mir keine Bücher mehr!

Berlin, Januar 2016

Ich bin gerade mitten in einem Umzug. Der Umzug in ein neues Leben, sozusagen. Ich werde, ausser meinem Arbeitszimmer, keine Möbel mitnehmen. Aber da sind die vielen Bücher, von denen ich mich unmöglich trennen kann. Im neuen Haus steht ein großes Billy-Regal mit Glastüren. Hier werden meine literarischen Schätze gesammelt. Ausserdem habe ich noch jede Menge Platz im Arbeitszimmer. Aber mir wird langsam klar, dass ich mich von einigen Büchern trennen muss. Natürlich werde ich Hemingway, Mark Twain, Umberto Eco, Jules Verne undsoweiter mitnehmen. Es ist ja tatsächlich so, dass die Bücher, die man gelesen hat, einem erst wirklich gehören. Die absoluten Klassiker habe ich ohnehin immer auf dem KINDLE dabei. Ich arbeite an meiner persönlichen Freiheit. Projekt Freiheit bedeutet sich von unnötigem Ballast zu trennen ohne zu leiden. Ich sitze in einem Luftschiff und muss Ballast abwerfen um zu steigen.
Es ist ja unglaublich, was man in einem Leben so alles sammelt. Ein Umzug kann helfen. Als ich vor vielen Jahren hierher zog, das war 1986, hatte ich gerade soviel Besitz, dass er in einen einzigen Transporter passte. Den Umzug erledigte mit einem Handwagen. So war das damals. Ich war zu stolz um mir Hilfe zu erbitten.
Heute sind die Bücher ein echtes Problem für mich. Ich habe es nicht gelernt, Bücher wegzuwerfen. Das geht doch nicht! Aber niemand will Bücher geschenkt haben. Es gibt mehrere Internetangebote bei denen man Bücher verkaufen kann. Die Ankaufpreise stehen in keinem Verhältnis zum ideellen Wert. Das fällt also auch aus. Es ist kompliziert. Aber ich will ja endlich mit dem Ballon aufsteigen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig als Ballast abzuwerfen – und zwar schnell.

Vorletztes Jahr zu Weihnachten hat mir meine Tochter einen dicken Loriot Band geschenkt. Bitte nicht mehr! Er steht noch völlig ungelesen im sich leerenden Bücherregal. Ich werde ihn wohl mitnehmen. Natürlich den Oscar Wilde und auch die Geheimen Tagebücher von Mark Twain und das Buch von Umberto Eco, das ich mir so sehr gewünscht habe. Diese Bücher werden mich immer begleiten, stehen sie doch für einen besonderen Abschnitt in meinem Leben. Ich lese Bücher und ich werde mich auch in Zukunft mit Büchern umgeben. Das ist völlig klar. Aber es müssen Bücher sein, die mir etwas bedeuten, die ich mir erarbeite und aneigne, indem ich sie lese. Dann gehören sie mir – für immer.

Mein allererstes Buch habe ich ohnehin aus einer Bibliothek ausgeliehen. Eine Ausgabe von Kipling mit dem Titel “Rikki Tikki Tavi” – oder so ähnlich. Es handelte sich um Geschichten aus dem Dschungelbuch. Ich habe das Buch nicht physisch in meinem Besitz, genau so wenig wie viele andere Bücher, die mich beeinflusst haben. Aber das ist nicht schlimm. Es gehört zu mir, weil ich es gelesen und mir so angeeignet habe. Ich könnte es jederzeit kaufen, wenn ich wollte. Aber wozu sollte ich das tun? Ich habe es doch schon gelesen……

Anfang der 1990er Jahre habe ich mir den SPIEGEL abonniert. Ich war froh, dass ich die Möglichkeit hatte und ich versuchte jede Ausgabe zu lesen. Dann sortierte ich die Hefte in einem Regal und hob sie auf. Bis heute lagen sie auf dem Dachboden und verstaubten. Nun habe ich mir ein Herz gefasst und die Papiertonne mit den alten Zeitschriften gefüllt. Es ist tatsächlich wahr: Ich fühle mich erleichtert und tatsächlich immer freier. Der Anfang ist getan und bald ist alles erledigt. Dann kommen noch alte Computer und HiFi-Anlagen und wahrscheinlich muss ich auch meine CD-Sammlung erheblich kürzen. Und dann sind da noch meine alten Vinyl-Schätze. Die habe ich seit der Wende aufgehoben. Aber Vinyl soll ja wieder im Aufwind sein. Ich denke, ich werde mir demnächst wohl einen richtig guten Schallplattenspieler kaufen! Wenn die alten Platten nur nicht so schwer wären……

Und Bücher? Immer wenn ich bei Dussmann oder einem anderen guten Buchhändler bin, dann sehe ich doch, was los ist. Es gibt alles, was das Herz begehrt und noch viel mehr. Es ist ein unbeschreibbarer Überfluss an überflüssigem Zeug, was sich da auch den Büchertischen stapelt. Ich suche dann immer nach dem Regal für die Klassiker und werde fündig. Es ist schön, nach Hause zu kommen und alte Bekannte zu treffen. Das ist wie ein Anker in der Brandung. Man kann Halt finden und Sicherheit.
Ich habe genau das gefühlt, als ich vor einigen Jahren einer Frau begegnet bin, die genau das verkörperte, was ich mir immer erträumt hatte. Sie war eine sehr schöne, sehr gebildete und geheimnisvolle Frau, die mich wieder mit den Klassikern der Literatur und der Musik zusammengeführt hatte. Das war sicher nicht ihre Absicht, aber ich war inspiriert und ich spürte, wie wertvoll das für mich ist. Heute lebe ich ein völlig anderes Leben als früher. Ich bin umgeben von Schönheit, Literatur, Musik und Kultur. Ich lebe in einer wahren Oase, die ich mir vor Jahren noch nicht einmal vorstellen konnte. Alles ist geordnet und anspruchsvoll. Ich arbeite als Coach und Berater und ich muss mir keine Sorgen mehr um meine Zukunft machen. Wirklich nicht. Es ist ein unglaubliches Glück! Ich kann es manchmal selbst nicht fassen.

Ich bin gerade mit dem ICE nach Heidelberg unterwegs und nutze die Zeit um zu schreiben. Meine Kollegen sind irgendwo im Zug verteilt. Ich finde es gar nicht so schlecht, dass wir uns separat Plätze reserviert haben. Nichts ich anstrengender als permanenter Small-Talk mit Menschen, die man jeden Tag auf der Arbeit um sich hat. Ich habe keine große Lust darauf, zuviel von meinem Privatleben von mir zu geben. Geht eigentlich niemand etwas an. Meine Partnerin trennt das auch kategorisch. Wenn sie gefragt wird, wer der Mann sei, mit dem sie gesehen wurde, dann entgegnet sie, dass das ja wohl ihre Privatangelegenheit sei. Sie will nicht, dass irgendjemand Rückschlüsse auf ihre professionellen Pläne ziehen könnte. Sie hält sich ihre Karriere offen. Wenn wie ein entsprechendes Angebot bekommen würde, dann würden wir einfach nach Zürich, London oder New York gehen. Auch das sind Möglichkeiten, an die ich früher nie gedacht hatte. Alles ist möglich. Manchmal kann ich es nciht glauben. Aber auch ich kann überall arbeiten.

Meine Coachings werden immer interessanter. Mit der Praxis kommt die Sicherheit. Seitdem ich Akademiker coache, die auf der Suche nach neuen Herausforderungen sind, merke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich habe das am Anfang meiner Coachingausbildung geanhnt und dann konsequent umgesetzt. Im Augenblick mache ich einen Spagat zwischen arbeitslosen JobcenterKunden und mehreren Akademikern, die einfach ihre Bremsen lösen wollen. Meist liegen die Ursachen von Blockaden in der Kindheit. Das weiß jeder Therapeut. Coaching ist so etwas wie eine Therapie, aber mit gesunden Menschen. Richtig krank ist kaum jemand, soweit ich das beurteilen kann. Psychiater und Psychologen haben manchmal einen anderen Blick auf die Dinge. Immer wenn ich höre, dass viel zu schnell irgendwelche Medikamente verschrieben werden, schüttelt es mich. Natürlich ist es einfach, Psychopharmaka zu verschreiben. Aber ich bleibe skeptisch. So etwas müsste wirklich gut diagnostiziert werden. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer der Fall ist.

Mein Erfolg ist das Feedback meiner Klienten. Das alte Qualitätsmanagementsprichwort wirkt:
Der Kunde soll wiederkommen – nicht das Produkt! – Das habe ich mir gemerkt, “Onkel Horst” sei es gedankt!
Wobei der Vergleich natürlich hinkt. Welches Produkt sollte denn bei einem Coaching denn zurückkommen? Aber der erste Teil stimmt. Die Klienten kommen nur wieder, wenn sie es wirklich wollen. Sie kommen nur, wenn sie etwas davon haben. Und das ist in zunehmenden Maße der Fall. Das macht mich glücklich.

Eigentlich wollte ich hier keinen Tagebucheintrag machen. Das ist eine andere Tasse Tee. Aber nun wird es doch sehr persönlich. Ein Umzug in ein neues Leben. Die Vergangenheit. Die Menschen, die mir etwas bedeuten und denen ich dankbar sein kann. Menschen die mich begleitet haben, die mich beflügelt und gebremst haben. Ich bin dankbar für jeden einzelnen dieser Menschen. Aus die mir weniger zugeneigten Zeitgenossen haben irgendetwas beigetragen, was mir genutzt hat. Sogar der Gärtner.

Jeder soll für sich glücklich werden. Jeder soll in seiner Welt glücklich werden, möglichst ohne andere zu schädigen. Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Menschen meiner Vergangenheit, besonders wenn sie mir Ärger bereitet und mir Steine in den Weg geworfen haben. Jeder Umweg war eine Chance etwas Neues zu pobieren. Heute ist mir längst klar, dass ich vieles, was ich sein wollte nicht sein konnte. Ich hatte einfach nicht genug Motivation und Können um bestimmte Jobs so auszufüllen, wie ich es gerne gewollt hätte. Warum auch immer. Ich war nie ein Elektronikspezialist, obwohl ich inzwischen eine Menge von der Materie verstehe. Schliesslich habe ich das studiert. Als ich mit dem Studium fertig war hätte ich bei einem Halbleiterfertiger anfangen können. Allerdings war damals die gesamte Industrie im Umbruch. Ich war froh einen anderen, interessanten Job zu haben, der meine junge Familie ernähren konnte. Ich war stolz darauf niemals arbeitslos gewesen zu sein. Viele Jahre später erst begriff ich, dass ich viel Zeit und Geld verschwendet hatte. Das ich mich irgendwann umorientieren würde, konnte ich damals nicht ahnen. Damals war ich ein anderer Mann. Ich war nicht der Mann, der ich heute bin. Ich war ängstlich, zurückhaltend und sehr unsicher. Das ist heute ganz anders. Heute ist vieles ganz anders geworden. Ich habe in den vergangenen Jahren ein paar ganz große Schritte nach vorn gemacht. Das alles steckte allerdings schon in mir. Die Anlagen waren vorhanden. Es musste nur noch freigesetzt werden. Die Bremsen mussten gelöst werden um aus einem klapprigen Trabant einen schnittigen Porsche zu machen. Oder einen Audi. Der gefällt mir besser.

Irgendwann hat ein kluger Mann gesagt, dass wir uns in einem Umbruch befinden. In Zukunft werden wir nicht mehr auf Besitz setzen, sondern Zugang wird wichtig sein. Das stimmt genau: Access ist wichtig. Was nützt mir das schönste Schloss im Wald ohne Zugang zum Internet? Was nützt mir meine schöne Schallplattensammlung und Bibliothek, wenn ich mich woanders aufhalte?

Erich Fromm hat ein sehr gutes Buch geschrieben: Haben und Sein. Darauf kommt es tatsächlich an: nicht was man hat, sondern wer man ist. Es ist egal, was ich habe, wenn ich jemand bin. Ich habe das begriffen, als ich diese wundervolle Frau kennenlernte. Es war egal wieviel ich hatte, wenn ich nur ich war. Sie wollte nicht meinen Besitz, sondern den Mann, den sie in mir erkannte. Und der konnte so übel nicht gewesen sein. Im Gegenteil! Er weiß längst, was in ihm steckt. Es ist wichtig das zu wissen. Es hat etwas mit Persönlichkeit zu tun.

Coaching ist Persönlichkeitsentwicklung. Das beste Coaching ist selbst Coach zu werden. Ich habe nicht. Ich bin. Darauf kommt es an.

 

 

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