Coaching und Ironie


Ich bin ein unverbesserlicher Sarkast. Alle wissen es. Vor allem die Menschen, die mich schon lange kennen. Zum Beispiel meine kleine Schwester. Sie ist die kleine Schwester, weil sie knapp 20 Jahre jünger ist als ich und weil sie kleiner ist, als ich. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich über meine ironische Phase hinweg sei. Ich habe mir angewöhnt, das Gute im Menschen zu sehen. In jedem Menschen. Als Coach darf ich mir Ironie nur in Ausnahmefällen leisten. Zum Beispiel, wenn ich als “des Teufels Advokat” agiere. Das kann ich sehr gut. Ich vermeide dieses Tool aber, weil ich zu spitz und zu persönlich werde, wenn ich es benutze. Ich muss aufpassen, andere nicht zu verletzen. Was soll ich zu einem Klienten sagen, der zum Coaching kommt, weil das JobCenter ihn als aussichtslosen Fall identifiziert hat und ich gleich beim Erstgespräch feststelle, dass es sich tatsächlich um einen aussichtslosen Fall handelt?
Ich muss vorsichtig sein bei Klienten, die von ihrem Arbeitgeber einen Coach gestellt kriegen, weil er oder sie über kurz oder lang das Unternehmen verlassen sollen. Sarkasmus und Ironie hat da keinen Platz. Die Klienten wissen doch ganz genau was hier gespielt wird. Wenn ein Banker gecoacht wird, dann entweder um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter vorzubereiten oder den letzten. Der Hinweis auf das wunderbare Leben des Currywurstverkäufers vor der Tür, der auch mal ein Banker war und nun seine Berufung gefunden hat, hilft in den allermeisten Fällen nicht weiter. Obwohl: es gibt ihn wirklich und ich habe mich auch schon öfter mit ihm unterhalten. Der Mann glaubt tatsächlich was er sagt. Ich weiß, wovon ich rede.
Letztens habe ich mich mit einem Mann unterhalten, dessen größte Leistung im Leben es ist, eine Umschulung zu machen. Der Mann hatte noch nie etwas auf die Reihe gebracht. Nun sonnte er sich etwa ein Jahr lang in seiner Rolle als zukünftiger IT Spezialist. Jetzt kam die Stunde der Wahrheit. Er sollte sich einen Praktikumsbetrieb suchen und stellte fast, dass sich nicht in der Lage sieht diesen Job auch tatsächlich auszuüben. Ich versuchte den Mann zu coachen. Als ich mitten drin war und ihm dargelegt hatte, wie wunderbar es doch wäre, wenn er seine Chance ergreifen und alles während seines Praktikums nachholen könne, was er bisher verpasst hatte, sah er mich mitleidig an und sagte: “Man sieht es Ihnen an. Sie glauben tatsächlich, was sie sagen!” Ich glaube tatsächlich, dass er es schaffen kann, wenn er den nötigen Ernst an den Tag legen und sich ein bisschen mehr anstrengen würde. Bisher ist er nur als KlassenClown aufgefallen und JEDER scheint zu wissen, dass er es nicht schaffen kann. Ich denke aber, dass er mit der nötigen Motivation und einem klaren Ziel vor Augen, alles schaffen kann. Und dann kommt der naive Zug meines Wesend zum Vorschein und ich verfalle in den unverwüstlichen Glauben an das Gute im Menschen.
Ich hoffe tatsächlich, dass er seine persönliche Wende schafft und sich auf den Hintern setzt um das zu schaffen, was er sich vorgenommen hat. Auch das ist Coaching. Motivation zu generieren, ja zu erschaffen. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn er es tatsächlich schaffen sollte. Wie wäre es, wenn er dann seinen Kindern erzählen würde, was mit ihm nach einem Coaching bei mir geschehen sei. Er wäre ein völlig neuer Mensch geworden und alles habe er einem einzigen Menschen zu verdanken, nämlich seinem Coach in einer Lebensphase, die er überwunden hat.

Bin ich immer noch ein Sarkast? Nein. Ich denke nicht. Manchmal kommt der Ironiker in mir hoch und ich frage mich, wozu ich das alles mache. Die sarkastische Anwort ist dann: Ich bin nicht mehr ganz jung und ich brauche das Geld.

Stimmt genau! Meistens macht der Job sogar Spaß! Und das ist ganz und gar nicht sarkastisch gemeint.

Aber ich weiß ziemlich oft ganz genau, was mein Gegenüber von mir denkt. Ist das nicht zum totlachen?

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