Höhenangst


Höhenangst

Ein 58jähriger Mann mit Herzrhythmusstörungen ging auf Empfehlung des Hausarztes zu einem Coach. Denken Sie jetzt nicht darüber nach, wie realistisch das klingt. Es gibt tatsächlich Ärzte, die Coaching empfehlen, weil sie wissen, dass der richtige Coach ein hilfreicher Gesprächspartner für Patienten sein kann.
Die Herzrhythmusstörungen hatten schon Jahre vorher begonnen. Herbert von der Lohne* hatte damals einen neuen Punkt auf der Karriereleiter erreicht. Er war Diplom-Kaufmann und er kannte seine Stärken und Schwächen. Von der Lohne hatte für eine Reihe von  Unternehmen gearbeitet und sich regelmäßig neu beworben, als es Zeit für ihn war, den nächsten Karriereschritt zu machen. Die Unternehmen für die er gearbeitet hatte boten ihm kaum Aufstiegsmöglichkeiten, die in seinem Sinne waren. Er war ein absoluter Profi bei Bewerbungen und er war aus dem Bewerbungsmodus nie herausgekommen. Der Mann wusste, wann es Zeit war zu gehen. Und er hatte nie genug Zeit und Geduld gehabt um sich auf seine Arbeit tatsächlich zu konzentrieren. Das machte ihn unruhig. Er hatte niemand, mit dem er darüber sprechen konnte. Er war ein guter Fachmann; ohne jeden Zweifel. Er wusste, wie man Mitarbeiter führt und er konnte sehr gut mit Vorgesetzten umgehen. Herbert von der Lohne war sportlich, attraktiv und er wusste genau, was zu tun war um Menschen für sich einzunehmen. Er war erfolgreich in dem was er tat. Niemand wusste, was wirklich in ihm vorging; nicht einmal er selbst. Mit etwa 54 begannen seine Herzprobleme. Er konnte es ziemlich genau sagen, wann es begann. Er hatte es geschafft und war zum kaufmännischen Geschäftsführer einer Unternehmensgruppe ernannt worden. Als er sein neues Büro bezogen hatte und er sich einen Überblick über die Aufgaben, seine neuen Mitarbeiter und die fachlichen Herausforderungen verschafft hatte, kamen ihm erste Zweifel an seinen Fähigkeiten. Er hatte alles erreicht, was er hatte erreichen wollen und nun würde er nur nach nach unten fallen, wenn etwas schief ging. Bisher war er nur im Vorwärtsmodus gewesen und wenn es unüberwindliche Probleme gab, bewarb er sich auf einen besseren Job. Das hatte perfekt funktioniert; bis zu diesem Punkt. Er wusste instinktiv genau, wo seine Schwächen waren. Er hatte es immer geschafft, Untiefen zu umfahren. Nun musste er tatsächlich Leistung und Durchhaltevermögen zeigen.
Er erzählte von schlecht sortierten Aktenbergen, die er oft in seinen alten Unternehmen hinterlassen hatte. Er war oft von einem Monat zum anderen gegangen und die Unternehmen waren nicht selten froh, ihn so lautlos verschwinden zu sehen. Was hätte man ihm auch vorwerfen sollen? Er würde sich nicht damit belasten. Dinge wie Akten sortieren waren nicht sein Ding und durch seinen häufigen Unternehmenswechsel konnte er sich immer als ruhiger und kompetenter Problemlöser darstellen. Er wusste ganz genau, wie das gelaufen war. Nun würde es zu einer neuen Herausforderung werden, der er sich stellen müsste. Er hatte ein Alter erreicht, in dem er langsam auf den Ruhestand hinarbeiten musste. Das alles war für ihn kein schwerwiegendes Problem. Darüber würde er hinwegkommen, meinte er. Aber es gibt Gedanken und Stimmungen, die man nicht beeinflussen kann. Es wurde klar, dass dieser Mann mit niemand darüber reden konnte und wollte; nicht einmal mit seinem Seelsorger. Herbert von der Lohne war traditionell evangelisch getauft und sozialisiert. Der regelmäßige Kirchenbesuch gehörte selbstverständlich zu seinem Leben. Aber auf die Idee mit seinem Freund, dem Pastor der Gemeinde, der er angehörte, über seine innersten Zweifel und Nöte zu sprechen, kam er nie. Nun hatte er einen längeren Klinikaufenthalt hinter sich, mit anschließender REHA. Er stand vor dem Aus. Was würde passieren, wenn er wieder seine Arbeit aufnehmen würde? Seine Stellvertreterin war eine kompetente Frau. Sie wusste genau, wo er professionell stand. Sie musste alles, was er in den letzten Jahren wieder liegengelassen hatte für ihn in Ordnung bringen. Herbert von der Lohne wusste genau, das sie die bessere Kandidatin für den Job war. Diese Frau konnte ohne Weiteres seinen Job übernehmen, wenn es zu einer Entscheidung kommen sollte. Und sie war ihm mindestens ebenbürtig, was kühl kalkulierte Entschlüsse betraf.

Die Situation lag auf der Hand. Der Mann war 58, hatte einen längeren beruflichen Ausfall zu verkraften und er fühlte sich nicht gesund. Aus kardiologischer Sicht gab es keine schwerwiegenden Bedenken. Die Störungen waren vermutlich eher psychosomatisch.

Nun saß er einem Coach gegenüber. Der Coach war Anfang 50 und er war auf Fälle wie diesen vorbereitet. Der Kaufmann war nicht krank. Soviel war klar geworden. Auch eine psychische Erkrankung war ausgeschlossen worden. Aber er hatte den ersten Schritt getan und sich erstmals einem fremden Menschen geöffnet. Das erwies sich als kluge Entscheidung. Sie bewirkte einen gewissen Druckabbau, der sofort zu spüren war. Der Kaufmann konnte erstmals mit einem kompetenten Mann reden, der einen ähnlichen Hintergrund wie er hatte. Der Coach hatte lange als Ingenieur im Projektmanagement eines großen Unternehmens gearbeitet und war mehrere Jahre Abteilungsleiter gewesen. Kaufmännische Tätigkeiten und Abteilungen waren ihm gut bekannt. Sie hatten große Schnittmengen über die sie sprechen konnten. Der Coach hatte sich nebenberuflich als Coach ausbilden lassen und er hatte seinen Traumberuf gefunden. Die erste Reaktion des Kaufmannes war die Idee, selbst als Coach zu arbeiten. Auch daran war der Coach gewöhnt. Er wusste, wie komplex die Ausbildung war und schwer es war ein richtig guter Coach zu werden.

Es wurde sehr schnell klar, dass der Kaufmann offen mit seiner Situation umgehen musste um die nächsten Schritte zu tun. Der erste Schritt war ein offenes Gespräch mit seiner Stellvertreterin und seinem Chef. Er würde herausfinden, wie seine Chancen waren weiterzumachen. Alles musste auf den Tisch. Er würde mit offenen Karten spielen und sich auch auf den Worst-Case vorbereiten. Wenn er jetzt gefeuert werden würde, dann würde er nicht in eine Katastrophe schlittern. Es würde eine ordentliche Abfindung geben und er würde sich arbeitslos melden. Eine selbständige Tätigkeit als Interimsmanager war eine denkbare Alternative zu einer Festanstellung. Von der Lohne wusste, dass er seinen Job gut machen konnte. Er war im Grunde der geborene Berater und Interimsmanager. In Sachen Erfahrung konnte ihm kaum jemand etwas vormachen. Er hatte immer erfolgreich neue Herausforderungen auf sich zukommen lassen. Und er war nicht so schlecht in seinem Job, wie es ihm manchmal vorkam.

Der Mann wurde durch das Coaching nicht geheilt; Er war nie krank gewesen. Er hatte Selbstzweifel, die er unterdrückt hatte und die sich ihren Weg gesucht und gefunden hatten. Das Coaching war für ihn eine sehr gute Möglichkeit mit einem Profi über seine Probleme zu sprechen. Das hatte ihn stark entlastet und er wusste, dass diese Gespräche niemals publik werden würden. Der Coach holte sich die Erlaubnis ein, anonym über den Fall zu schreiben und ihn ihn Vorträgen zu benutzen. Auf der Referenzliste des Coach stand Herbert von der Lohne nicht; aus verständlichen Gründen.

* Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt

 

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