Choleriker – Hoffnungslos überfordert


Choleriker – Hoffnungslos überfordert

Ort: REHA Klinik. Eine Gruppe von Patienten war eingeladen um einen Vortrag über ihre Erkrankung zu hören. Ziel dieser Vorträge ist das Erkennen von kritischen Situationen und die Tatsache, dass ein fast normales Leben nach dem Schock möglich ist.

Die Gruppe, etwa 10 Patienten, versammelte sich und wartete geduldig auf den Arzt, der den Vortrag halten würde. Ein Mann fiel aus dem Rahmen. Er war aufgeregt und hatte ein hochrotes Gesicht. Der Mann konnte sich kaum zusammenreißen.
Als der Arzt den Vortragsraum betrat, schäumte der Patient bereits. Er war auf 180. Alle anderen wunderten sich. Es gab keinen Grund sich aufzuregen. Aber der Patient schwenkte aufgeregt mit dem Formular auf dem er ausfüllen und unterschreiben sollte. Er fuhr den Arzt an: “Was ist das hier für ein Mist?! Funktioniert hier überhaupt was? Ich weiß nicht, was ich hier soll!” Der Arzt blieb ruhig und erklärte es ihm geduldig, aber der Mann hatte nicht einmal zugehört. Die Situation, das Schreiben, die Umgebung; Alles war zu viel für ihn. Er war überfordert. Er pustete, wurde immer roter und dann explodierte er: Er schrie den Arzt an; beleidigte die anderen Patienten, die bisher nur ein wenig verunsichert waren und dann zerriss der das Formular und sprang auf. Er verließ den Raum, nicht ohne mit der Tür geknallt zu haben.

Nach dem Vortrag schaute der Arzt sich den Lebenslauf und die Unterlagen des Patienten genauer an. Der arme Mann war vom Schicksal gebeutelt. Er hatte nach einem Unfall vor einigen Jahren nie wieder eine feste Arbeit gefunden. Und er hatte bereits mehrere Umschulungen hinter sich. Das und das Verhalten, dass der Mann eben gezeigt hatte, passte gut zusammen. Der Mann war intellektuell von Kleinigkeiten völlig überfordert und das versuchte er durch Aggressivität zu kaschieren. Es war absolut kontraproduktiv, was er da machte. Aber offensichtlich hatte er dieses Spiel so verinnerlicht, dass er alle anderen als Idioten und Unfähige betrachtete, die alle Schuld an seinem verpfuschten Leben hatten. Der Mann stand permanent am Rande eines Nervenzusammenbruches. Depressive Episoden wechselten sich mit cholerischen Ausbrüchen ab. Der Mann würde sich entweder grundlegend ändern müssen; Dafür brauchte er Hilfe. Oder er würde an sich selbst kaputt gehen. Der Arzt war Kardiologe. Er konnte dem Mann nicht helfen. Er sprach mit dem zuständigen Psychologen der Klinik. Auch der hatte noch keinen Zugang zu dem cholerischen Mann gefunden. Es war offensichtlich, dass sein cholerisches Verhalten einherging mit einer absoluten intellektuellen Überforderung. Auch das ist ein Grund für dessen cholerisches Verhalten.

Das Problem ist, dass der Patient alles tat um den auf ihn lastenden Druck loszuwerden. Wenn er sich selbst als Ursache der auftretenden Probleme akzeptieren sollte, ertrug er es einfach nicht. Er war nicht in der Lage, seine Situation sachlich und mit Abstand zu betrachten und angemessen zu reagieren.