Kalte, glitzernde Welt


Kalte, glitzernde Welt

Stellen Sie sich einen Mann vor, der sich fragt, wie und in welcher Umgebung er seinen Ruhestand verleben wird. Der Mann hat Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit nach seiner beruflichen Karriere. Er ist CEO eines mittelständischen Konzerns, Ärztlicher Direktor und Chefarzt oder Besitzer einer großen Steuerberatungsgesellschaft. Die Karriere war der absolute Mittelpunkt im Leben dieses Mannes. Nun drängen jüngere, begabte Frauen und Männer an die Spitze und es wird Zeit sich langsam mit dem Ruhestand zu beschäftigen.
Ein alter Geschäftsführer hatte mir vor Jahren seine Ängste und Befindlichkeiten geschildert. Er stand kurz vor dem Ruhestand und er hatte eine sehr junge und sehr attraktive Frau an seiner Seite. Er war 65. Sie keine 40. Er würde in wenigen Wochen in den Ruhestand treten und es würde keine weitere Beratungstätigkeit mehr für ihn geben, so wie er es sich lange vorgestellt hatte. Er hatte Vertrauen zu mir und wir unterhielten uns lange über seine Vergangenheit, Erlebnisse in der Kindheit und Jugend, über seinen Werdegang und seine Vorstellungen von der Zukunft. Ich weiß nicht, inwiefern ich ihn beeinflußt habe. Aber er hat, später, noch einmal sein wahres Glück gefunden. Ich besuchte ihn Jahre später noch einmal und er war ein anderer Mensch. Keine Ängste, keine Fragen mehr. Nur noch Zufriedenheit und Glück. Er war sehr entspannt und das gefiel mir ausserordentlich gut. Er hatte nach 50 Jahren seine Jugendliebe wiedergefunden. Sie hatten einander aus den Augen verloren, sich aber nie vergessen können. Sie war eine attraktive Frau in seinem Alter, die viele Jahre in den USA gelebt hatte und dort verheiratet gewesen war. Ihre Kinder lebten dort und bei einem Besuch in Berlin waren sie sich durch einen Zufall über den Weg gelaufen, hatten sich wiedererkannt und sich nicht mehr losgelassen.
Als ich den Mann zum ersten Mal coachte, ging es eigentlich um das Thema: Was bringt Coaching von Mitarbeitern im Unternehmen? – Wir vereinbarten eine Handvoll Termine und ich besuchte ihn in seinem Haus. Wir hatten viel Zeit und es war folgerichtig, dass wir eine vertrauensvolle Beziehung aufbauten. Der alte Mann begann sich zu öffnen und er erkannte den Wert einer Beziehung, die sich durch Coaching gestalten kann. Ich war ganz am Anfang, hatte jedoch schon viele Jahre ältere Menschen seelsorgerisch betreut. Ich kannte den Wert von Zeit für den anderen und ich war sehr gut in aktivem Zuhören. Menschen wollen sich mitteilen und sie wollen gespiegelt werden. Sie wollen wissen wie sie auf andere wirken und sie spüren, mit wem sie es zu tun haben. Der Mann erzählte mir sein ganzes Leben. Er ließ nichts aus und spätestens als er mir über seine Zukunftsängste erzählte, war klar, dass er ein großes Vertrauen hatte.  
Wir saßen in einer Villa am See. Ein traumhaftes Anwesen mit allem Drum und Dran. So etwas konnte ich mir gut vorstellen, wenn ich einmal alt bin. Aber es gab natürlich auch die dunkle Seite der Medaille. Er war unter der Woche alleine in dem großen Haus. Ausser einer Haushaltshilfe, die für ihn kochte, die Einkäufe erledigte, Wäsche wusch und das Haus putzte, gab es noch einen Gärtner und Hausmeister, der das Grundstück in Ordnung hielt. Es war einsam in dem Haus. Ich stellte mir vor, wie er seine Abende verbrachte. Um das Haus herum gab es eine Mauer und eine ausgeklügelte Alarmanlage. Er lebte in einem goldenen Käfig, so schien es mir. Ich hatte recht. Er erzählte mir von seinen einsamen Abenden und es wurde sehr deutlich, dass er sich davor fürchtete, dass ihm seine schöne junge Frau bald ganz verlassen würde. Es war kalt und glitzernd schön, was ich sah. Warm und angenehm ist etwas ganz Anderes.

Er würde sich das Anwesen nicht mehr leisten können, wenn er nicht mehr Geschäftsführer sein würde. Seine Rente würde nicht ausreichen und er hatte das Anwesen mit Krediten belastet. Ein Verkauf war schwer zu realisieren, weil es nicht so viele wohlhabende Leute gab, die so weit weg in die Provinz ziehen würden. Allerdings übertrieb er hier. Ein Anwesen am Scharmützelsee war seinen Preis wert und er hatte kein Problem es meistbietend zu verkaufen. Aber das war ihm damals noch nicht so klar. Er hatte da so seine Vorurteile.

Das Coaching war eine interessante Erfahrung für mich. Ich lernte schnell, worauf es bei dieser Art Coaching ankommt. Es ist nicht so sehr die Zielorientierung, die bei jungen Leuten am Beginn der Karriere eine große Rolle spielt. “Wer wollen Sie sein, wenn Sie auf ihr Leben zurückblicken?”, sondern eine Neuordnung des Erreichten und Erlebten. Es geht häufig um eine ungeschminkte Präsentation eines nicht ganz geradlinigen Lebens. Es geht um zertrümmern und neu aufbauen. Es geht um inneren Frieden und die Sicherheit, am Ende alles richtig gemacht zu haben, auch wenn es auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Es geht um achtsames, empathisches Zuhören und es geht um Geduld und Zeit.

Ich habe eine Reihe von alten Männern getroffen, die am Ende ihres beruflichen Lebens noch einmal etwas ausprobieren wollten, das sie als junger Mensch erträumt hatten. Musizieren, malen, schreiben und viel reisen sind die häufigsten Wünsche. Ein oft ausgesprochener Traum ist auch “endlich mal KRIEG und FRIEDEN lesen!” oder regelmäßige Besuche in der Philharmonie. Eine 20jährige Geliebte kommt in den Plänen dieser Männer nicht mehr allzuoft vor. Warum auch immer. Ich kann es mir denken, muss aber nicht darüber reden. Frauen in diesem Alter können auch sehr interessante Gesprächspartner sein. Sie wenden sich aber aus verständlichen Gründen eher weiblichen Coaches zu.

Auf jeden Fall habe ich häufig beobachtet, dass diese Menschen unter einer glitzernden Glocke gelebt haben und nun häufig das Leben neu kennenlernen müssen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann der nie alleine mit der Bahn unterwegs war, schon gar nicht mit U-Bahn oder S-Bahn in Berlin, hat Angst davor. Schon die Bedienung eines Fahrkartenautomaten kann ihn völlig aus der Fassung bringen. Und dann die vielen Leute, mit denen er nie Begegnung und Kontakt hatte. Auch das kann Angst machen, die man sich aber selten gerne eingesteht.  
Und darauf kommt es an bei dieser Art von Coaching. Ängste abbauen und tun, was wirklich Freude macht. Ein wenig spazieren gehen, ein Tee im Englischen Garten oder der Besuch in einem Kaffeehaus. Ein Abend in der Philharmonie mit einem Drink an der Bar danach. Einfach ein gutes Gespräch mit jemand, den man akzeptieren und vertrauen kann.   

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