Die Mauer


Die Mauer in Berlin kommt immer wieder gut an. Wir hatten Gäste aus Süddeutschland. Sie wollten unbedingt zum Checkpoint Charly. Das ist ein Synonym für die Berliner Mauer. Mauermuseum, der alte Kontrollpunkt. Jeder will zum Checkpoint Charly. Kaum jemand hat eine Ahnung, was das war und wie das damals aussah. Ich fahre mit meinen Gästen zuerst in die Bernauer Straße zur Mauergedenkstätte. Zum ersten Mal erkennen sie, dass die Mauer mehr als eine einzige Mauer war. Sie war ein beinahe unüberwindbarer Todestreifen. Am Checkpoint Charly sehe ich dann die stolze Bezeichnung der DDR für das Ungetüm: Die beste Grenzsicherungsanlage der Welt. Weltbest waren sie in der DDR. Immer! Überholen ohne einzuholen und am Ende Grenzsicherung mit möglichst wenig Aufsehen und vor allem wenigen Toten. Warum haben wir eigentlich nicht damals jeden Tag über das menschenverachtende System geschimpft und furchtbar gelitten? Ich würde niemals in ein solches Land fahren. Das ist ja schlimmer als die Türkei, denke ich mir.
Wie haben die Menschen damals in diesem Land leben können? Wir kannten nichts anderes und natürlich kommt ein wichtiger Aspekt dazu, den wenige so ausdrücken würden. Es war die Angst vor der Freiheit. Es war ganz gemütlich in der begrenzten und begrenzenden DDR. Man musste sich nicht entscheiden. Man konnte meckern und jammern und sich bescheiden. Man konnte sich nach fernen Ländern sehnen und vor der Freiheit Made in America ein wenig gruseln. Aber im Grunde waren alle sicher. Der Staat hat seine Bürger so sehr geliebt, dass er sie sicherheitshalber nicht in Gefahr in der bösen Welt bringen wollte. Irgendwie haben die Bürger ihren Staat auch geliebt. Es gab teilweise ein intimes Verhältnis zu Stasi. Tatsächlich: Da kamen keine Ungeheuer auf einen zu, wenn man verhaftet wurde. Da kamen verständnisvolle, psychisch geschulte Gesprächspartner, die immer den Eindruck vermittelten, dass man gebraucht wurde in “unserem Staat”. Der Gedanke, dass sie kein Recht hatten uns zwischen Ostsee und Voigtland, Harz und Oder, einzusperren, wurde verdrängt und es gab tausend Erklärungsversuche. Es ist interessant heute darüber nachzudenken.
Der Schritt in die Freiheit war für viele DDR Bürger ein Stolpern. Die Mauer fiel überraschend und plötzlich waren alle frei. Arbeitslos und frei. Das macht Angst.
Heute stecken wir immer noch in vielen Korsetten fest. Allein der wunderbare Sozialstaat verhindert, dass sich die Menschen frei und ohne Alimentierung des Staates bewegen können. Alle zahlen in die gesetzliche Rentenkasse ein und viele werden sich am Ende wundern, was sie davon haben. Man traut sich nicht, immer noch nicht. Nicht so richtig. Da steckt sehr viel Angst drin. Was passiert mit einem Menschen, der sich wirklich frei bewegen will? Darf er das? Muss man Steuern zahlen? Autsch! Ein Gedanke wie ein Stromschlag!
Und dann gibt es Menschen, die heute nach Deutschland kommen. Viele kommen aus Ländern an den Rändern der EU. Sie wollen der Korruption und der Armut entgehen. Sie landen in Deutschland und wundern sich. Von dem vielen Geld, das sie verdienen, bleibt sehr viel auf der Strecke. Steuern, Sozialabgaben und auf jedes gekaufte Teil eine Mehrwertsteuer.
Ungeachtet dessen. Ich denke, dass es uns wirklich sehr gut geht. Aus dem historischen Blickwinkel auf jeden Fall. Die Mauer ist weg und man darf frei sein. Ich frage mich, was passieren würde, wenn es diese Freiheit plötzlich nicht mehr geben würde.
Es kann jederzeit passieren. Wir wissen nicht, was auf uns zu kommt. Klar ist nur: Wir können wenig dagegen tun. Egal wie wir darüber denken.
Aber eins weiß ich genau: Wer die DDR und die Wende danach überstanden hat, der schafft auch alles, was da noch kommen kann. Ein Blick über die Mauer an der Bernauer Straße ist sehr inspierierend. Und die Fragen meiner unwissenden Gäste sind so erfrischend, dass ich mir ein entspanntes Lächen nicht verkneifen kann. Sie haben keine Ahnung, was diese Mauer bedeutete. Und das ist gut so!

 

 

 

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