Coaching für Skeptiker


Der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens hatte einen Herzinfarkt erlitten. Er war sehr betroffen, weil er davon ausgehen musste, dass er sein Leben auf der Überholspur nicht ohne Einschränkungen fortführen konnte. In der REHA wurde ihm empfohlen sich an einen Coach zu wenden um berufliche und persönliche Aspekte zu besprechen. Das kam ihm eigenartig vor. Wie sollte ihm ein Coach helfen? Er hatte noch nie in seinem Leben einen anderen Menschen um Rat gefragt oder sich Hilfe geholt. Das meiste konnte er selbst erledigen, oder er stellte jemand ein, der sich mit der Materie auskannte. Aber einen Coach kontaktieren. Wozu sollte das gut sein?

Er fühlte sich nicht psychisch krank oder angeschlagen. Natürlich hatte er Fragen zu seinem Zustand und er wollte genau so leben, wie er es vor dem Infarkt getan hatte. “Suchen Sie sich einfach einen guten Life Coach. Sie werden ihn erkennen, wenn Sie ihn gefunden haben.”, sagte der Chefarzt. “Natürlich könnte ich mich auch regelmäßig mit Ihnen unterhalten, aber glauben Sie mir: Das wird viel zu kostspielig. Sie haben den Infarkt überstanden und das Risiko einen weiteren Infarkt zu bekommen ist genauso groß wie es vor dem ersten Infarkt war.”  Der Chefarzt gab ihm eine Internetadresse und der Geschäftsführer bedankte sich. Er hatte nicht vor, einem Coach Geld hinterher zu werfen.  
Es verging ein halbes Jahr und der Patient spürte, dass er befangen war und unter einer permanenten Angst litt, beim nächsten Mal zu sterben. Er suchte den Chefarzt auf und der empfahl ihm nach einer ausgiebigen Untersuchung nochmals sich einen Coach zu suchen.
Der Mann rief mich an und fragte skeptisch, ob ich ihm tatsächlich helfen könne. Wir vereinbarten einen Termin in der Coaching-Praxis und trafen uns eine Woche später.  

Ich stellte mich kurz vor und erläuterte ihm die Rahmenbedingungen. Ich schlug ihm ein Coaching-Paket von 10 Sitzungen für einen Paketpreis vor. Der Mann war einverstanden, zumal er das Coaching als Geschäftskosten verbuchen konnte.

Harald Bohn, der Geschäftsführer, (der Name wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert) war ein Skeptiker durch und durch. Er wollte natürlich genau wissen, was meine Profession sei und welchen beruflichen Werdegang ich vorweisen konnte. Ich entgegnete, dass die Empfehlung des Chefarztes allein Reputation genug für mich sei. Und ja, ich hatte bereits mehrere Klienten mit ähnlichen Themen gecoacht.

Die ersten Gespräche dienten lediglich dem näheren Kennenlernen. Ich stellte dem Mann viele Fragen über die er intensiv nachdachte. “Gute Frage!”, hörte ich öfter von ihm und es stellte sich ein Vertrauensverhältnis ein. Harald Bohn merkte schnell, dass es für mich überhaupt kein Thema gab, dass mich irgendwie irritierte. Er bemerkte, dass ich ihn nicht verurteilen oder einschätzen würde und ganz langsam öffnete er sich mir. Wir unterhielten uns über sein Unternehmen und die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete. Er hatte die Firma vor 12 Jahren gegründet, nachdem er in der Firma für die er bisher gearbeitet hatte nicht weitergekommen war. Inzwischen war seine alte Firma konkurs gegangen und viele der ehemaligen Kollegen arbeiteten nun für ihn. Er stellte sich als durchsetzungsstarken Macher dar, der wenig Empathie für seine Mitmenschen hatte. Kaum jemand in seiner Umgebung wäre auf  die Idee gekommen, dass Bohn ein sensibler Mann war, der sich “Dinge zu Herzen nahm”. Aber genau so war es. So kaltschnäuzig, wie er sich nach außen darstellte war er nicht. Im Gegenteil. Er hatte sogar eine große Angst, dass jemand von seinem Herzinfarkt etwas mitbekommen würde. Von mir würde niemand etwas erfahren. Das machte ich ihm von Anfang an klar. Schweigepflicht gehört zu einem Coach genau so wie zu einem Arzt oder Priester.

Bohn war immer noch neugierig, was als nächstes im Coaching passieren würde. Ich fragte ihn, wann das Coaching für ihn ein Erfolg sein würde und wie er das erkennen würde.

“Ich denke, dass ich einen großen Schritt weiter wäre, wenn ich meine Ängste in den Griff bekommen würde und mein Unternehmen sich gut entwickeln würde, auch wenn ich nicht mehr jeden Tag mit 120 Prozent Gas geben müsste.”
Ich fragte ihn, wie er das gemanaged hätte, als er akut krank war, in der Zeit vom Infarkt bis nach der REHA. Er hatte die Tagesgeschäfte seiner Stellvertreterin, einer sehr guten Finanzbuchhalterin übergeben und hatte verbreitet, dass er sich um neue Aufträge kümmern und deshalb kurzfristig abwesend sein müsse. Diese Legende hatte ihm sehr viel Kraft gekostet. Wie würde das Unternehmen ohne ihn laufen? Das belastete ihn doch.

Aber dann erkannte er, dass seine Firma so gut aufgestellt war, dass er ein Engagement im Tagesgeschäft tatsächlich erheblich reduzieren konnte um sich um neue Entwicklungen zu kümmern. Das war ihm vor dem Coaching überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Erst nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, wurde ihm die reale Situation klar. Er hatte so lange so hart gearbeitet, dass es ihm nie in den Sinn gekommen war, dass er sich nun zurücknehmen könne.

Ich forderte ihn auf eine Liste zu erstellen, was er tun würde, wenn seine Firma “von alleine” laufen würde.
Er hatte eine Menge Ideen. Mehr Sport treiben, mehr Zeit für Kultur und Familie. Viel mehr Zeit für seine beiden Kinder.
Natürlich fragte ich ihn, was von ihm bleiben würde, wenn er eines Tages tatsächlich nicht mehr da wäre. Auch hier hatte er eine Menge Ideen. Er wollte etwas hinterlassen. Seiner Familie, seinen Kindern, seinen Mitarbeitern und seinen Geschäftspartnern. Aber er brauchte Zeit. Er fragte mich, ob ich ihm diese Zeit garantieren könne. Nein. Das konnte ich nicht. Natürlich nicht. Die 10 Sitzungen waren vorbei. Ich teilte ihm mit, dass wir nun am Ende der Coachingvereinbarung wären und es nun Zeit wäre, sich zu verabschieden.
Er schaute mich überrascht an. Ja, er wisse, dass die 10 Sitzungen vorbei wären. Aber wäre es ein Problem, wenn wir einfach weitermachen würden? Er hatte erkannt, dass es ihm ausserordentlich gut tat, sich mit jemand zu unterhalten, der kein Limit kannte und der ihn niemals verurteilen würde. Es täte ihm Leid, diese professionelle Beziehung einfach so aufzugeben. Allerdings hatten wir ein wichtiges Ziel des Coachings erreicht. Er konnte sich in seinem Unternehmen zurücknehmen und sich auf andere Dinge konzentrieren. Das Coaching hatte ihn tatsächlich entlastet.

Ich unterbreitete ihm das Angebot, jederzeit wieder mit einer neuen Zielvereinbarung einzusteigen. Er hatte eine andere Idee. Er würde Coaching in seiner Firma etablieren um seine Mitarbeiter zu entlasten. Er war der Meinung, dass es einige Schlüsselfiguren gab, die tatsächlich zu viel arbeiteten. Er hatte im Coaching erkannt, dass diese Mitarbeiter gefährdet waren.

“Würden Sie sagen, dass unser Coaching erfolgreich war?”, fragte ich ihn. Er bejahte ausdrücklich.
Am Anfang konnte er sich nicht ansatzweise vorstellen, was ein Coaching für ihn bringen würde. Natürlich hätte er sich diese Fragen auch selbst stellen können, aber mit mir als Coach wäre es sehr viel schneller gegangen, als er sich hatte vorstellen können. 

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