Der alte Mann und das All


Der alte Mann und das All

Ich denke an die Känguru-Chroniken. Meine Tochter steht total auf diese Bücher. Das ist eine gute Idee, ein guter Plot, wenn man einfach gute Dialoge schreiben will. Wir kann man ein Pärchen so koppeln, dass gute Dialoge dabei herauskommen? Das Känguru ist Kommunist. Ein Kommunist ist heute eine absurde Vorstellung für uns. Das war es eigentlich schon immer. Was soll das sein? Ich kannte eine Reihe von Leuten, die sich mit dem Kommunismus oder Sozialismus identifizierten. Zumindest waren sie in der Partei. Die meisten waren Mitläufer und Karrieristen. Es gab aber auch die seltenen Exemplare ehrlicher Männer und Frauen, die das mit dem Sozialismus ernst nahmen. Manchmal sind die naiven Verlierer die richtig guten Menschen. Es gab viele gute Gründe, aus denen ich nichts damit anfangen konnte. Ich dachte mir also eine Geschichte ohne Kommunisten aus und verlegte meine Bühne auf einen Raumfrachter, der fünf Jahre einen einsamen alten Mann und seinen Roboter auf einer elliptischen Bahn durch das Sonnensystem befördert.

Vielleicht ist ein Roboter ein guter Gesprächspartner für einen alten Astronauten auf Außenmission. Der alte Astronaut hatte sein Leben mit Jobs verbracht, die ihn nicht wirklich wohlhabend gemacht haben. Es hatte gerade so zum Überleben gereicht. Ron hatte durch Trennung und Scheidung alles verloren und seine magere staatliche Rente schenkte ihm kein wirklich sicheres Gefühl. Also lässt er sich auf einen Job ein, der ihm das nötige Geld bringen wird, wenn er es denn überleben sollte. Ronald Brandburger ist nicht wirklich, auf den Job vorbereitet. Er wird für die nächsten 5 Jahre durch das Sonnensystem treiben und Fracht transportieren. Immerhin steht ihm das Internet und alle möglichen Zugänge zu aktuellen Tageszeitungen und umfangreichen Wissensdatenbanken zur Verfügung. Er kann sich jeden Film ansehen, der jemals gedreht worden ist und er kann jedes Buch lesen, das jemals verlegt worden ist. Das entspricht seinen Vorstellungen vom Paradies. Allerdings hat er nicht daran gedacht, was mit ihm passiert, wenn er krank werden sollte. Ein alter Mann wird schon mal krank. Aber das verdrängt er erfolgreich, wie alle alten Männer. Ron unterhält sich den ganzen Tag mit seinem Roboter Gittler, der eine ganz eigenartige Sicht auf die Welt zu haben scheint. Irgendwann versteht Ron, warum der Robot diesen Namen trägt. Ein russischer Programmierer hat den Roboter getauft. Eigentlich heißt der Robot ganz unprosaisch AH46-023-01. „Aha!“ Denkt Ron. „Ein russischer Programmierer, ein Roboter der mit AH beginnt. Soso. Das könnte interessant werden.“ Er hofft, dass der Roboter keinen destruktiven Selbsvernichtungsmechanismus in sich trägt. Natürlich wird er ihm niemals die Herrschaft über das Frachtraumschiff geben. Ron hofft, dass der der AH sich nicht selbst ermächtigt. Aber das ist Robotern nach den Robotergesetzen ausdrücklich verboten. Roboter sind in dieser Hinsicht viel sicherer, als ausgehöhlte, gelangweilte Demokratien. Es wird schon nichts passieren, mit dem Roboter, der den Namen des Führers trägt. Es ist die russische Variante. Russen können mit dem „H“ nicht viel anfangen. Also transponieren sie das H in dein G. „Gittler!?“ fragt Ron seinen Roboter am Tag, nachdem er herausgefunden hat, was für einen Namen sein blecherner Kollege wirklich trägt. „Gittler? Warum hat sich der Führer eigentlich umgebracht?“
Damit beginnt ein langer Monolog Gittlers, den wir uns an dieser Stelle ersparen möchten. Die Tirade, die mit allem abrechnet, was für den Mann, dessen Name hier nicht genannt werden soll, wichtig war, endet mit dem verheißungsvollen Satz: „Ich bin unsterblich!“ Der Roboter zittert förmlich vor Bedeutung und dem Bewusstsein seiner Mission. Ron schaltet ihn ab und sieht lieber die Nachrichten der vergangenen Woche an. Das SolarNet sammelt Informationen aus dem Internet. Eine KI filtert alle Informationen, die wichtig werden könnten und dann fühlt sich das Ganze fast wie ein schnelles Internet auf der Erde an. Nur manchmal entschuldigt sich die KI, weil es nicht auf die spezielle Frage vorbereitet war. „Diese Antwort nimmt leider etwas mehr Zeit in Anspruch, als ich voraussehen konnte! Sie erhalten eine umfangreiche Information, wenn ich alle Daten gesammelt habe!“ Ron hatte genügend Zeit und er hatte sich daran gewöhnt, auch mal länger warten zu müssen. Insgeheim hatte er es sich zu einem Spiel gemacht, die KI zu überlisten und mit vollkommen neuen Fragen in den Recherchemodus zu versetzen.
„Weißt du was Gittler?“, stellte Ron eines Tages fest, „Es wäre mit viel lieber, wenn Du eine Frau wärst. Ich glaube, das wäre mir lieber.“ Kaum hatte er das ausgesprochen änderte sich die krächzende Stimme Gittlers in die angenehme weibliche Stimme eines bezaubernden Wesens namens Eva. Eva war sehr vertraut mit der Gedankenwelt des Führers und Ron stellte schnell fest, dass es sich nur um die Geliebte des Führers handeln konnte. „Eva Braun, na klar!“, dachte er laut und schaltete die vertraute Stimme Gittlers wieder ein. Wenn er schon in der Gedankenwelt des Führers gefangen war, dann wollte er nicht auch noch der erotischen Kraft von Eva Braun erliegen. Ron war inzwischen fast 60 und an Bord gab es nichts Erotisches, außer einer VR-Lounge, in der er sich mit jungen und willigen Dingern treffen konnte. Ron hatte noch keine Lust auf derartige Spielchen mit virtuellen Datenbündeln gehabt. Sein ganzes Leben war eine einzige Simulation geworden. Es war der schlechte Scherz eines russischen Hackers, der ihm Gittler zugespielt hatte. Ron brauchte den Robot. Ohne seine Hilfe konnte er das Raumschiff nicht steuern. Er konnte ihn nicht einfach ausschalten. Also musste er sich etwas anderes ausdenken. Die Frage war, wie man einen Roboter umprogrammiert, ohne einen Totalausfall zu riskieren. Das war eine Aufgabe, in der es tatsächlich um Leben und Tod ging. Ron hätte nie gedacht, dass sein Leben von einem derart falsch programmierten Blechkameraden abhängen würde.

Die ersten 100 Tage seiner Mission verbrachte Ron mit dem Erlernen von Tätigkeiten, die für den Job als Frachtkapitän wichtig waren. Ganz am Anfang gab es das obligatorische Sicherheitstraining. Im Fall von Mikrometeoriten musste er schnell handeln, um sich in Sicherheit zu bringen. Falls er die ersten 4 Minuten überlebte, hatte er eine Chance. Und die musste er nutzen. Gittler hatte von Anfang an einen morbiden Spaß an der Situation. „Wenn wir untergehen, Brandburger, dann gehen wir gemeinsam unter!“ „Nenn mich Ron!“, entgegnete Ron. „Brandburger, das ist mir zu unpersönlich!“ „Gut!“, sagte Gittler. „Adolph! Mein Name ist Adolph!“ „Verzeih, Adolph! Das geht mir ein wenig zu weit. Wie kommst du überhaupt auf Adolph? Ich nenne dich Gittler. Das ist persönlich genug. OK?“ „OK!“, antwortete Gittler. Er klang ein wenig beleidigt und enttäuscht. Aber darauf würde Ron keine Rücksicht nehmen. AH46-023-01 war nur ein Roboter und Ron hatte nicht vor, ihm zu nahe an sich heranzulassen. In spätestens fünf Jahren würde er als wohlhabender Rentner auf die Erde zurückkehren und sich ein ruhiges Plätzchen irgendwo am Meer oder in den Bergen suchen. Gittler würde auf einem Schrotthaufen landen und Ron würde ihm keine Träne nachweinen. Ron fragt sich schon lange, wem er diesen schlechten Scherz von Roboter zu verdanken hat. Gittler ist an und für sich ein ganz -normaler Roboter, der für Einsätze in und an und auf Raumschiffen gemacht ist. Roboter der AH-Klasse sind Helfer für Menschen auf Transportraumschiffen und Kreuzern der Enterprise-Klasse. AH steht für „Active Helper“. Manchmal, denkt Ron, hängt es auch von einem selber ab, was man aus einem Gesprächspartner macht. Die Sache mit dem Gittler könnte auch durchaus mit ihm selbst zu tun haben. Gedanken machen sich breit. Ron beschäftgt sich mit Geschichte. Am Ende der Reise wird er einige Abschlüsse an der Universität vorzuweisen haben. Ein Master in History sollte unbedingt dabei sein. Ron fragt sich, was er nach seiner Reise mit sich anfangen wird. Vermutlich hat die Regierung in Deutschland das Rentenalter dann wieder mal nach oben gesetzt. Es ist das Spiel mit einem Ding, dass man nicht wirklich schnappen kann. Immer wenn man glaubt, dass man die Maus in der Falle hat, ist sie auch schon wieder verschwunden. Vielleicht wird Ron sich dann nochmal komplett auf den neuesten Stand bringen lassen und Vorlesungen an der Universität halten. Er hatte genügend Zeit sich darauf vorzubereiten und sein Space-Sabbatical erschien im immer noch wie ein Geschenk. Er hatte sich und war nur auf sein funktionierendes Raumschiff und einen Roboter namens Gittler angewiesen. Gittler konnte ihm einiges erklären, was nicht in den Geschichtsbüchern stand. Ron glaubt, dass der russische Programmierer in seiner grenzenlosen russischen Weisheit mehr vom Denken des frühen 20ten Jahrhunderts verstand, als er am Anfang glauben konnte. An und für sich kann sich Ron nicht über Gittler beschweren. Er ist vollkommen intakt, funktioniert hervorragend und versteht etwas von seinem Job. Gittler ist ein guter Hausmann, er kann saugen, putzen und kochen und er ist ein hervorragender Spezialist für Außeneinsätze. Ron kann sich per VR-Anzug in Gittler hineinversetzen und ihn so auf den unvermeidlichen Ausseneinsätzen begleiten. Astronauten mit Raumanzügen in das Vakuum des Weltraums zu schicken, war längst verboten worden. So etwas erledigte immer ein Robot, der über VR gesteuert werden konnte.

Ron hat sich eine Art Kalender ausgedacht. Jeden Tag springt er mit seiner VR auf eine einsame Insel und macht Kerben in Baumstämme, die er an einem Strand in den Sand gerammt hat. Er ist dann Robinson Crusoe, der Seefahrer, der auf einer fernen Insel gestrandet ist. Ron ist Robinson auf einem Raumschiff, dass sich auf einer elliptischen Bahn im Sonnensystem bewegt. Die Sehnsucht nach Einsamkeit hat Ron seitdem er zum ersten Mal das Buch von Daniel Defoe gelesen hatte. Er wundert sich nur, dass Freitag ein Mann war. Ron hätte seinem Robinson eine hübsche kleine Frau geschenkt und eine Familie. Allerdings war dann klar, dass Robinson dann diese Insel niemals verlassen hätte. Welcher Seefahrer hätte ihn und seine ganze Familie nach England mitnehmen und wovon hätten sie leben sollen? Aber das war wieder eine ganz andere Geschichte. Ron saß also jeden Abend am Strand, machte seine Kerbe und schaute sich den Sonnenuntergang an. Sein Freitag war ein Roboter namens Gittler, der in diesen Augenblicken recht nachdenklich wirkte.

Es gab auch Stimmungen, in denen sich Ron deplatziert fühlte, wenn er da am Strand seine Kerben in das Holz schnitt, und immer weitere Stämme aufstellte. In den düsteren Tagen beamte er direkt vom Strand in das Verlies von Edmond Dantes, dem späteren Grafen von Monte Christo. Dort traf er auch Abbe Faria. Die Gespräche mit den beiden Helden seiner Jugend waren für Ron eine einzige Oase des Wissens und der Zuversicht. Er beobachtete die souveräne Weisheit von Faria und die Art und Weise, wie sich die beiden, gelassener Lehrer und aufmerksamer Schüler, unterhielten. Ron nahm das ganz tief in sich auf und er ärgerte sich, dass er erst jetzt diese Erfahrungen machen konnte. Er hätte einen solchen Mentoren gebrauchen können, als er so alt wie der junge Edmond Dantes war. Was hatte er nur in den letzten 30 Jahren gemacht? Womit hatte Ron nur seine Zeit vergeudet? Das war ein Thema, über das er sich mit Abbe Faria unterhielt. Diese Gespräche brachten ihm sehr viel Sicherheit für die Zukunft. Der Abbe war ein weiser Mann, wie Ron immer mehr erkannte. Er fragte sich, wie er nach seinem Einsatz ohne die Inspiration dieses Mannes leben würde. Aber das musste er auch nicht. Faria würde ihn immer begleiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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