Demokratie

“Demokratie ist schwer zu realisieren, aber die beste Gesellschaftsform die wir bisher hervorgebracht haben!” Der junge Mann sprach leidenschaftlich und überzeugend. Es war klar, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Der andere Mann, ein IT-Spezialist, nickte wie zur Bestätigung und entgegnete: “Demokratie ist super, wenn die Menschen wirklich die Zusammenhänge verstehen würden. Aber genau das tun sie nicht. Die meisten fürchten sich vor dem Unbekannten und wünschen sich nur Glück und Frieden. Das, was wir in Zukunft mit Hochtechnologie, BigData, Cloud und Telematik, mit Nanotechnologie und der Vernetzung aller Bereiche auf unserem Planeten machen können, ist so komplex, dass niemand mehr durchblickt. Das kann nur durch eine neue Art von Superintelligenz gesteuert werden. Ich sehe genau da die Zukunft. Mit der klassischen Form von Demokratie werden wir schnell an unsere Grenzen stoßen. Trump und Brexit haben uns doch ganz deutlich aufgezeigt, wo die Grenzen von Demokratie liegen.” Der IT Spezialist war ein Mann Mitte 50, graumeliert, gutaussehend, distinguiert, eine angenehme Erscheinung. Ein Rechter war er ganz sicher nicht. Aber das musste er nicht einmal betonen. Das lag auf der Hand. Er sprach wie ein typischer Vertreter der Eurokraten in Brüssel. Janus Hofmann hatte in seinem Leben schon einige Umbrüche und Veränderungen erlebt. Als die Mauer in Berlin eingerissen wurde, arbeitete er als junger Mathematiker in San José in Kalifornien. Er war gerade mit seinem Studium fertig geworden und hatte sich direkt einen Job im Silicon Valley bei dem Unternehmen gesucht, das damals der Inbegriff von Zukunft war. Die Arbeit bei Apple war nur ein Schritt eines langen ereignisreichen Berufslebens gewesen. Auf seinem Lebenslauf machte sich das natürlich sehr gut. Es war ein Türöffner, in Stanford studiert zu haben und Apple als ersten Arbeitgeber angeben zu können. Janus Hofmann war ein bodenständiger, tiefgründiger Mann geblieben, der ganz gezielt seinen Weg ging. Er erkannte sehr schnell, dass die Zukunft noch lange nicht geschrieben war. Jeden Tag passierte so viel Neues, dass es ihm fast den Atem nahm. Das, was er damals für möglich gehalten hatte, wurde heute jeden Tag derartig gravierend übertroffen, dass ihm inzwischen fast die Phantasie fehlte, wie die Welt in nur 10 Jahren aussehen würde. Der Veränderungsprozess rollte nicht nur durch die Industrie, sondern erfasste allmählich alle Bereiche des Lebens. Vor einigen Wochen hatte er einen Vortrag besucht der das Thema “Bildung Gestern-Heute-Morgen” beleuchtete. Was werden wir in der Zukunft unseren Kindern beibringen, wenn das Schulwissen von heute, das Wissen der besten Ingenieure der Vergangenheit bei weitem überschritten hatte? Janus war der Meinung, dass es in der Zukunft nicht mehr um klassisches technologisches Wissen und um Techniken gehen würde. Das würden Maschinen und Roboter viel besser erledigen, als es ein Mensch je könnte.

“Die Menschen brauchen eine fundierte humanistische Ausbildung. Sie müssen die Klassiker verstehen und sie sollten mindestens ein Instrument beherrschen. Die Menschen von Morgen brauchen ein Grundverständnis für das Leben und den Sinn des Lebens. Dann erst werden sie Demokratie ohne Angst und ohne die Verführung zu einfachen Lösungen so nutzen, wie es angemessen und gut ist. Die Abgehängten und Deklassierten, die Verlierer von heute sind es, die Demokratie zerstören können. So ein Prozess beginnt immer von innen. An der Stelle muss etwas getan werden.”

Der junge Mann hörte dem erfahrenen Manager aufmerksam zu. Er verstand genau, was Hofmann ihm zu erklären versuchte. Aber er sah keine schnelle Lösung. Die Schere zwischen wohlhabenden Bürgern und denen, die nichts hatten, vor allem keine Bildung, ging jeden Tag mehr auseinander.
“Was würden Sie denn tun, um die Demokratie zu retten? Wie kann man die Demokratie vor der Dummheit der Leute bewahren?” Janus Hofmann sah den jungen Mann überrascht an. “Die Dummheit der Leute? Sie sind ein Rassist! Wissen Sie das?” So hatte es Bertrand Carnegie nicht gemeint. Er fühlte sich beleidigt. “Ich bin doch kein Rassist!” “Doch mein Lieber! Genau so beginnt Rassismus. Es ist der Versuch, die Guten von den Schlechten und Unwissenden zu trennen. Das ist Rassismus.” Der junge Bertrand schluckte. “Aber was schlagen Sie vor? – Wie soll das Problem gelöst werden?”

“Ganz einfach, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag. Das Beste aus allen Welten, sozusagen. Wie müssen unsere liebgewonnenen Feindbilder über Bord werfen und gemeinsam an einem neuen Entwurf arbeiten, wie die Menschen in Zukunft leben wollen und was wirklich wichtig ist.”

“Wie meinen Sie das? Wen meinen Sie, wenn Sie vom Besten aus allen Welten sprechen? Welche Welten?” – “Alle Welten! Wirklich alle Welten. Es geht um den Amerikanischen Traum und dem Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Es geht um den Ansatz der Chinesen und es geht um Gerechtigkeit für alle. Wir sollten über Philosophie und die Möglichkeiten von Technologie sprechen. Wir sollten das Christentum, den Islam, den Buddhismus und Philosophen wie Karl Marx nicht gegeneinander antreten lassen, sondern miteinander arbeiten. Der amerikanische Traum und die Hardliner, die dahinter stehen, sind genauso gefragt, wie die Ideale des Kommunismus, ohne Zwang und ohne Diktatur. Was ist denn so schlecht an Chancengleichheit, wenn sie nicht nur auf dem Papier steht? Was spricht gegen Freiheit und was gegen eine Religion, die in der Lage ist, den Menschen Trost und Zuversicht zu schenken?

Was nützt es, wenn Sie heute noch ein reicher Mann werden würden, der sich dann keine Gedanken mehr um seine Zukunft machen müsste? Kein Problem! Wieviel Geld brauchen Sie um bis zu ihrem Lebensende gut leben zu können? Was erwarten Sie, als Vertreter der jungen Generation von ihrem Leben? Was erwarten Sie von der Zukunft?”  

“Also Kommunismus ist doch zum Glück Geschichte und endgültig vorbei!” – “Ich bin auch kein Freund des Kommunismus; aber sehen wir uns nur an wie die Chinesen ihre Wirtschaft entwickelt haben. Sie sind in der Lage, ThinkTanks zu beschäftigen und dann sehr kluge Entscheidungen zu treffen, die durchaus in die richtige Richtung gehen können. Also was ist falsch an den Chinesen?”

“Das stimmt auch wieder. In China werden ElektroAutos massiv gefördert. Sie sind dort offen für die neuesten Technologien, haben den Transrapid der Deutschen realisiert und interessieren sich für den HyperLoop von Elon Musk. Sie bauen riesige Städte vom Reißbrett aus und müssen sich keine Sorgen machen über Menschen die damit nicht einverstanden sind. Aber trotzdem: Demokratie ist doch so unglaublich wichtig! Schauen Sie sich Europa an!”
“Wenn ich mir Europa so anschaue, dann bin ich mir nicht einmal so sicher, dass es noch lange so weitergehen wird. Sie haben keinen gemeinsamen Plan für Europa. Jede Regierung macht was sie will. Das ist die traurige Wahrheit. Irgendjemand muss die Führung übernehmen, denke ich. Die Deutschen zieren sich noch, weil sie immer noch vor ihrer eigenen Macht Angst haben. Aber sie müssen klare Ziele setzen und Europa voranbringen. Die Anderen werden ihnen folgen, denke ich.”

Die beiden Männer sprachen immer intensiver miteinander, obwohl Janus Hofmann eigentlich keine große Lust auf ein Gespräch gehabt hatte. Eigentlich war ein Wort, das in seinem Wortschatz keinen Platz mehr haben sollte; eigentlich. Hofmann war ein unverbesserlicher Optimist. Er glaubte fest an den Fortschritt und er glaubte an Menschen. Janus Hofmann wusste, dass sich Menschen entwickeln konnten, wenn man ihnen die Chance dazu gab. Er war überzeugt davon, dass Menschen der Mittelpunkt des Universums waren; Nicht Maschinen, Technologie, Daten und Geld. Er hatte in seinem Leben immer erlebt, dass Neugier und Optimismus sich am Ende durchsetzten. Die dunklen Kräfte Angst, Abhängigkeit und Unaufrichtigkeit waren stark, aber nicht unbesiegbar. Und was die Maschinen betrifft, so gehörte es zu seinen Aufgaben, die Algorithmen zu entwickeln, die seiner Sicht auf die Welt entsprachen. Mit Demokratie hatte das wenig zu tun; mehr mit humanistischer Weltsicht und Verantwortung. Janus Hofmann hatte zwei Gesichter. Sein Name war wie eine Metapher. Das eine Gesicht lächelte seine Gesprächspartner freundlich an und zog sie in seinen Bann. Das andere sah anders aus. Es war zynisch und realistisch, hart und entschlossen. Beide Gesichter waren notwendig um weiter zu gehen. Es gab da eine naive Kompenente in der Demokratie, die ihr wirklicher Schwachpunkt war. Die Menschen hatten sich an sie gewöhnt und konnten sich keine andere Gesellschaftsform mehr vorstellen. Es war viel komplizierter. Es war viel gefährlicher. Und es war viel einfacher: Es ging nur um Macht und Interessen. Es ging darum, die besten Konzepte auf den Tisch zu legen und die Menschen zu überzeugen. Aber das wussten auch die Anderen.  

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