Flucht aus Afrika

Matheus Nekundi – Flucht aus Afrika

2030 Ras Lanuf – EU-Planstadt für afrikanische Flüchtlinge

 

Matheus Nekundi hatte es geschafft, nach Ras Lanuf City zu flüchten. Die EU hatte 2020 eine Reihe von sicheren Städten gegründet, die unter EU-Mandat und dem Schutz der EU standen. Die Fluchtwelle aus Afrika nach Europa hatte deutlich gemacht, dass Afrika Hilfe brauchte.

Korruption, unterentwickeltes Demokrativerständnis und zermürbende Bürgerkriege hatten den Kontinent erschüttert.
Die sicheren EU Städte in Afrika wurden jeweils durch einen 30 km breiten Korridor vor dem Umland geschützt. Schwerbewaffnete EU Soldaten sicherten die Korridore. Es gab 10 EU Citys auf dem afrikanischen Kontinent, weitere 5 waren geplant. Die EU Städte entwickelten sich zu Mustergebilden für den gesamten afrikanischen Kontinent. Sie waren zudem auch ein Labor für die Zukunft der Städte auf der ganzen Welt.  

Die Flüchtlingskrise nach Europa hatte in den Jahren 2018 und 2019 neue Ausmaße angenommen. Afrika, der verlorene Kontinent, brauchte Hilfe. Korruption, Bürgerkriege und Misswirtschaft waren ursächlich dafür verantwortlich, dass  Landstriche verwüstet wurden. Die Folgen waren unübersehbar. Hungerkatastrophen, mangelnde Bildung, Gewalt und Perspektivlosigkeit entwurzelte die Menschen und zwang sie irgendwo hin zu fliehen.
Die Fluchtwelle von Menschen ohne Zukunft schien unaufhaltbar.

Ich heiße Markus Brandburger und ich komme aus – Brandenburg in Deutschland. Witzig!; Nicht wahr? Meine Eltern haben sich etwas dabei gedacht, als sie mich Markus nannten. Alle nennen mich nur Mark. Und dann gibt es da noch die Mark Brandenburg, die Brandenburgischen Konzerte von Bach und die Preußenkönige und und und. Meine Heimat ist voller Geschichte und Tradition. Vieles davon wurde in den letzten beiden Diktaturen ziemlich gründlich beseitigt. Eigenartig: Das Wort Sozialismus kommt in beiden Systemen vor und spielte letztendlich doch eine so geringe Rolle. Der Begriff -Sozial- hat immer noch einen eigenartigen Beigeschmack.  

so·zi·a̱l

Adjektiv

  1. auf die Art und Weise bezogen, in der Menschen in einer Gesellschaft zusammenleben – „soziale Spannungen“
  2. auf die Gesellschaft bezogen –  „Diese Erfindung war zweifellos ein sozialer Fortschritt.“

Ich möchte kurz erzählen, wie sich die Zukunft Afrikas in den neu gegründeten Sicherheitszonen überall auf dem Kontinent entwickelt. Ich habe einen EU-Pass und habe somit das Recht, regelmäßige Zahlungen auf meinem Konto zu erwarten. Das bedingungslose Grundeinkommen macht es möglich. Ich will gar nicht viele Worte darüber verlieren. Nur so viel: Es gibt ein BG Punktekonto für jeden EU-Bürger. Wir erhalten nicht nur BG vom Staat, sondern sind aufgefordert, unseren Status ständig auf ein höheres Level zu heben. Jeder Bürger der EU erhält bei der Geburt 5 Punkte. Bei Schulabschluss steigt er auf 8. Abitur und Hochschulreife bedeuten 10 Punkte. Bachelor 20. Master 22. Jedes Arbeitsjahr bedeutet einen zusätzlichen Punkt. Bei Promotion kommen 6 Punkte zusätzlich auf das Konto. Und dann gibt es noch Bürgerpunkte als Auszeichnung für besonderen Einsatz.   
Wer sich im Auftrag der EU verdient gemacht hat, bekommt zusätzliche BG Punkte. Je mehr BG Punkte um so höher ist der Anspruch auf Bürgergeld. Jeder Punkt wird mit 100 EURO multipliziert. Senioren, die sich für die EU verdient gemacht haben, können mit einem monatlichen BG von über 8.000 EURO rechnen. Krankenversicherung ist kostenlos für jeden EU-Bürger.

Wir sagen nur noch BG. BG wie BürgerGeld. Das europäische System hat sich als sehr effektiv und logisch erwiesen. Die EU ist sehr deutsch geworden, wie Italiener, Franzosen und Spanier ohne Neid oft betonen. Sie sind stolz auf ihr Europa und sie sind stolz darauf ein Teil davon zu sein.

Deutsch als Sprache hat sich inzwischen wieder in Europa etabliert. Wenn ich ehrlich bin, dann hätte ich das früher nie für möglich gehalten. Alle wollten Englisch sprechen und ich natürlich auch. Vor vielen Jahren las ich in einer  Zeitschrift namens SPOTLIGHT, dass es der der kulturelle Einfluß ist, der eine Sprache verbreitet. Seit sich Großbritannien aus der EU verabschiedet hat und die USA nur noch mit sich selbst beschäftigt sein wollen, hat sich das verändert. In Europa hat sich Deutsch längst durchgesetzt, ganz einfach weil die Bundesrepublik die stärkste wirtschaftliche und kulturelle Kraft in Europa geworden war. Europa braucht eine bindende Sprache um mit einer Stimme zu sprechen. Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch sind die die am weitesten verbreiteten Sprachen. Glücklicherweise haben wir inzwischen leistungsfähige Übersetzungsgeräte, die gesprochenes Wort direkt simultan übersetzen konnten und wenn man ein fremdes Schild lesen wollte, dann musste man nur auf das Schild sehen und “übersetzen” sagen um augenblicklich ein Schild in deutsch eingeblendet zu bekommen. Wir leben in einer wahnsinnig tollen Science Fiction Welt und zum Glück haben die Europäer, also die Franzosen, Deutschen, Spanier, Italiener, Polen und viele kleiner Länder es geschafft Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirklich zu praktizieren. Es ist kein Kommunismus, es ist ein sehr pragmatischer, humanistischer Kapitalismus, den wir uns geschaffen haben. Es ist eine Marktwirtschaft in der Glück und das Recht auf Glück tatsächlich realisiert werden kann. Wir haben es geschafft, den Wert des Glückes zu erkennen und in BG Punkte umzusetzen.

Die EU ist nach dem BREXIT von 2016 nicht auseinandergebrochen. England, Schottland, Wales und Irland sind wieder eng an mit der EU assoziiert. Es gibt keinerlei Probleme mehr. Wenn es sie je wirklich gab. Aber der Britische Sonderweg ist eine Facette Europas, Linksverkehr inklusive.  

Ras Lanuf

Ras Lanuf liegt in Libyen. Die EU hatte sich im Rahmen der UNO und in enger Absprache mit den arabischen Staaten darauf geeinigt, Afrika stärker zu unterstützen um vor allem die Flüchtlingswelle in den Griff zu bekommen. Eine Reihe von Abkommen wurden abgeschlossen, deren Kern die Entwicklung des afrikanischen Kontinents nach europäischen Standards war. Europa hatte im Zwanzigsten Jahrhundert genau die Erfahrungen machen müssen, die den Staatenbund nun in die Lage versetzten, besser Entscheidungen auf einem hohen Niveau zu treffen. Das Abkommen von Riad sah vor, gemeinsam mit den entwickelten Golfstaaten Afrika zu einem friedlichen und demokratischen Partner zu machen. Überall, wo Korruption und Krieg aufflammten, intervenierte die starke europäische Armee  und sorgte für den Schutz der Bevölkerung und der sich bildenden Infrastruktur. Es gab einen starken Konsens für dieses Abkommen. Afrika hatte viel zu lange unter den Folgen von Bürgerkriegen und Unterentwicklung gelitten. Es war an der Zeit dem Elend ein Ende zu machen.  

Aufbruch nach Ras Lanuf

Ich war gerade mal wieder ohne einen richtig guten Job. Ich war mal wieder völlig frei, das zu tun, was ich am liebsten mache. Sport treiben, reisen, lesen, Musik hören, Konzerte besuchen, entspannen, lernen. Ich hatte keine Eile mich in das nächste Abenteuer zu stürzen. Mein letzter Arbeitgeber hatte aufgegeben, nachdem ihm gleich zwei Geschäftsbereiche weggebrochen waren. Das hatte die Protagonisten, den Chef und den Controllern einige Punkte gekostet. Ich war mit einem PLUS aus der Sache herausgekommen. Aber meine Nerven waren angeschlagen und ich fragte mich wieder einmal, wer ich bin und was ich überhaupt zu bieten habe. Klar, ich bin ein sehr guter Coach und ich habe gelernt, cool meinen Job zu machen und zwar einen guten Job. Ich kenne das schon; wenn sich Vorgesetzte was einbilden, auf was auch immer. Ich beobachte und behalte meine Meinung lange für mich. Es gibt viel zu viele Unternehmen, die auf die Dauer nicht überlebensfähig sind. Wenn sie funktionieren, dann kann eine Menge Geld verdient werden. Wenn nicht, dann geht es an das BG-Punktekonto. Die Höchststrafe ist ein Rückfall auf die Mindestpunktzahl. Aber auch das ermöglicht ein sehr gutes Leben im Alter. Im Grunde braucht niemand Angst zu haben. Ich entspannte in diesem Sommer und fühlte mich gleich 10 Jahre jünger. Ich war längst kein Junger Mann mehr. Ich ging flott auf die 60 zu und ich fühlte mich besser als in meinen Late30s. Echt. Mit 38 war ich ein körperliches Wrack. Zu bequem und völlig ohne sportliche Betätigung. Ich begann zu laufen und schaffte keine 50 Schritte ohne völlig fertig zu sein. Ausser Atem und schweißüberströmt. So konnte es nicht weitergehen. Das ist über 20 Jahre her und heute bin ich fit wie ein Turnschuh. Ich erlebte einen wunderbaren Sommer mit langen Radtouren und Schwimmen in den Brandenburger Seen. So konnte es eigentlich ewig weiter gehen. Aber der nächste Winter kam bestimmt und ich überlegte mir die ganze Zeit, ob es das schon war. Ich hatte Lust auf etwas Neues, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Länger als drei Monate ertrug ich es selten, ohne eine Arbeit zu sein, die mich ausfüllte. Eine Herausforderung, neue Leute um mich herum, neue Sichtweisen und Ziele. Ich interessierte mich vor allem für Neues und Projekte, an die sich normalerweise niemand heran traute.  
Während ich so vor mir hinträumte, klingelte das Telefon. Das gute alte Wort Telefon war wieder im Gebrauch, es handelte sich natürlich um ein Smartphone mit Videokommunikation und Holotechnologie und allem Drum und Dran. Das Empfangsteil befand sich in einer Kugel, die jeder von uns implantiert hatte. Diese Implantate waren Kommunikationszentrale, Arzthelfer, Identifikator und Lokalisator in Einem. Als Kinder lernen wir Gedankenkommandos, die das System steuern.
Das Telefon klingelte und ich nahm das Gespräch an.
Thomas Lange, ein Manager bei der Agentur für Soziale Angelegenheiten, erschien direkt neben mir.  Wir hatten uns vor vielen Jahren kennengelernt. Damals, auf dem Höhepunkt der dritten Flüchtlingskrise 2019 suchte Thomas verzweifelt nach Managern, die für das BAMF arbeiten wollten. Gesucht waren Quereinsteiger, die Persisch oder Arabisch sprechen konnten. Ich beherrschte keine der beiden Sprachen, aber ich hatte das Translator-Projekt bei einem Startup in Berlin kennengelernt und organisierte eine Präsentation im BAMF. Die jungen Leute der SmartTrans AG hatten mir ihr Präsentationsmaterial überlassen und mich gebeten, die Präsentation durchzuführen. Thomas war beeindruckt. Er lud alle wichtigen Entscheider der Agentur für Arbeit und des BAMF ein und das System wurde in beiden Institutionen eingeführt. Ich erhielt meine ersten Bonuspunkte für mein Engagement und das war für mich eine Erfahrung, die ich wiederholen musste. Ich hatte Lust auf derartige Projekte. Dinge, die es so noch nicht gab. Das war mein stärkster Antrieb.

Ich war also auf dem Weg nach Ras Lanuf. Mitten in Afrika, auf der anderen Seite einer gedachten Linie machte sich Matheus auf den Weg in Richtung Norden. Unsere Wege würden sich kreuzen. Wir wussten das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

——> wird ggfs. ausgebaut……

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