Jobcenter Blues

Tattoo Jürgen saß im Wartezimmer des Jobcenters und wartete, dass ihn sein Fallmanager, oder wie das hieß zum Gespräch in sein Büro abholte.

Er saß da und machte Gedanken über seine Situation. Er fühlte sich hier deplatziert. Es war ihm unangenehm herzukommen und über Arbeit zu sprechen. Arbeit, die es für ihn nicht gab. Und wenn Arbeit, dass wurde sie so mies bezahlt, dass ihm ganz schlecht wurde, wenn er nur daran dachte. Für Jürgen war klar, was hier abging. Nichts. Es war nur ein weiterer Termin, der nichts bringen würde. Er musste irgendwie durchkommen. Das Jobcenter war doch nur eine dazu da, ihm das wenige Geld zu geben, das ihm sowieso zustand. Wenn die ihm schon keinen gut bezahlten Job anbieten konnten, dann sollten sie ihn doch wenigstens in Ruhe lassen.
Ein neuer Kunde kam in das Wartezimmer. Jürgen sah kurz auf, nickte zur Begrüßung und starrte wieder an die gegenüberliegende Wand.
“Scheiße!”, sagte der Neue. Jürgen sah ihn an. Der andere Mann war relativ groß. Er trug saubere Jeansklamotten. Levis mit T-Shirt und Jeansjacke. Er trug gute Sneakers und alles in allem sah er aus, wie gerade aus einem Modekatalog gestiegen. Tattoo Jürgen erkannte sofort, dass der Mann neu hier war. Ihre Blicke kreuzten sich. “Scheiße!”, wiederholte der Mann. Jürgen fragte: “Scheiße?” Der Mann sah ihn an und sagte: “Scheiße!” “Ja, klar!”, sagte Jürgen. “Alles Scheiße hier! Alle paar Monate musst du auch noch herkommen und die ganze Scheiße ansehen. Ich könnte gut auf die Scheiße hier verzichten. Du bist neu hier, oder?” “Scheiße ja!”, sagte der Mann. Dann schwiegen sie wieder. Sie waren allein in dem großen Raum. Ab und zu lief ein Mitarbeiter des Jobcenters vorbei und warf einen abschätzenden Blick auf die beiden Männer.  
Tattoo Jürgen sah den Mann nach einer Weile wieder an und fragte direkt: “Du warst noch nie im Jobcenter, stimmt’s?” Der Mann sah Jürgen an, wie er einen Außerirdischen angesehen hätte. Er überlegte, ob er antworten oder einfach mit dem Kopf schütteln und nichts sagen sollte. Es arbeitete in ihm, Jürgen konnte es deutlich sehen. Er sah den Neuen an und schwieg verständnisvoll. Wenn der Andere nichts sagen wollte, dann eben nicht. Dann fiel der Blick des Jeansmannes auf Jürgen. Er sah ihn von unten nach oben an. Sah seine Jogginghosen, das T-Shirt, seine mächtige Oberarme und die Tatoos. Er sah Jürgen ins Gesicht. Keine Tatoos dort. Nur ein ungepflegte Bart und kurzgeschorene blonde Haare, die an einigen Stellen besonders an der Stirn schon sehr licht wurden. Jürgen Schmidt, 46, arbeitslos seit ungefähr 8 Jahren. “Wie ist dein Name, Mann? Ich heiße Kurt. Kurt Seiler.”
Tatoo Jürgen nickte. Er wackelte mit dem Kopf, wie ein Wackeldackel. “Kannst Jürgen zu mir sagen. Tattoo Jürgen – sagen alle zu mir!” Er wackelte weiter mit dem Kopf.
Kurt Seiler nickte kurz. “Klar. Wegen deiner Tattoos! Ich habe so was nicht machen lassen. Ist nicht mein Ding.”
Tattoo Jürgen strahlte: “Das Geheimnis ist der Schmerz!”, erklärte er mit sehr viel Verve. Das Wort Geheimnis klang sehr bedeutend.  
Schweigen. Kurt Seiler konnte nicht viel damit anfangen. Er hatte keine Lust sich mit Tatoo Jürgen über Tattoos und Schmerz zu unterhalten. Im Radio EINS hatte er einen Witz zum Thema gehört. Er musste schmunzeln. “Sonderausstellung im Freibad Jungfernheide – Die schlimmsten Tattoo-Unfälle Berlins!” Er behielt es für sich.
Kurt Seiler war überhaupt nicht froh, hier gelandet zu sein. Er war tief gefallen, seit er seinen Job verloren hatte. Dann war seine Frau mit einem Anwalt durchgebrannt und er hatte lange nur Sport getrieben und über Alternativen nachgedacht. Es gab keine Alternativen, jedenfalls keine die ihm gefielen. Gute Freunde hatten ihm geraten bei KAUFLAND Kisten auszupacken. Er musste wieder ganz von vorne anfangen. Einen Job, wie er ihn verloren hatte, würde er nie mehr bekommen. Was hatte er falsch gemacht? Seiler war Betriebsleiter bei einem mittelständischen Maschinenbauer gewesen. Er hatte sich hochgearbeitet, obwohl er sein Studium nie abgeschlossen hatte. Und genau das fiel ihm jetzt auf den Fuß. Er war zu alt und hatte keinen Abschluss, um direkt auf der Ebene wieder einzusteigen von der er heruntergefallen war. Er hatte jetzt zwei Jahre damit verbracht über seine dunkle Zukunft nachzudenken und sich irgendwie fit zu halten. Nun hatte er einen weiteren Tiefschlag erlebt, er war beim Jobcenter gelandet. Wer weiß, was noch alles passieren würde.
“Scheiße!”, murmelte er. Tattoo Jürgen blickte auf, sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Trauer, Schmerz und Freude. “Ja Mann! Du sagst es! Scheiße!”

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