VR Prolog

VR Prolog 

Juni 1979

Täglich von April bis Oktober sowie zwischen Weihnachten und Neujahr werden von Stralsund aus alle drei Inselhäfen angelaufen. In nur 90 min erreichen Sie Neuendorf, den südlichsten Inselhafen. Der zentrale Hafen Vitte ist nach zwei Stunden erreicht und für den nördlichsten Hafen Kloster beträgt die Fahrzeit 2,5 Std.

Renate Schneider war mit ihrem Wartburg nach Stralsund gefahren. Sie parkte ihren Wagen in der Nähe des Hafens auf einem Privatgrundstück und wartete auf die Fähre nach Hiddensee. Die Journalistin und Schriftstellerin würde die nächsten vier Wochen auf der Insel verbringen. Ein einsames Haus am Strand stand für sie bereit. Hiddensee war für sie ein ideales Rückzugsgebiet. Sie hatte ihre ROBOTRON Reiseschreibmaschine und einige hundert Blätter graues Recyclingpapier dabei. Graue Bögen Papier, die ihr Gepäck schwer machten. Die nächsten Wochen wollte sie Abstand vom Alltag finden. Der Traum eines jeden Schriftsteller würde für sie wahr werden. Einsamkeit und der Rückzug auf das Notwendige würden ihre Sinne schärfen. Die Fähre war in Wirklichkeit ein umgebauter Fischkutter. Renate Schneider suchte die Anlegestelle mit Ziel Kloster und mischte sich unter die Tagesgäste, die sich bereits eingefunden hatten. Die Insel Hiddensee war ein Traumziel vieler DDR Bürger. Es gab dort kein Autos und alle Transporte wurden mit Pferdefuhrwerken erledigt. Lange mussten sie nicht warten. Der Kutter lief in den Hafen ein und legte an. Nachdem das Boot an der Hafenmauer festgemacht war und die von der Insel kommenden Passagiere ausgestiegen waren drängten die Inselbesucher auf das Boot. Kurz darauf verliessen sie den Hafen und nahmen Kurs auf Hiddensee. Der Alltag fiel augenblicklich von ihr ab. Sie liess ihr Leben in Berlin hinter sich und freute sich auf viel lange Wochen Natur und Einsamkeit. Nebelbänke lagen über dem Wasser.

In Kloster bestieg Renate ein Pferdefuhrwerk, das bereits auf sie wartete und fuhr direkt zum Haus am Strand. Das Haus war mit Schilf gedeckt.Vom Wohnzimmerfenster aus konnte man den Strand sehen. Sie packte ihre Sachen aus und lief sofort zum Strand. Angeschwemmtes Treibholz lag überall herum.

Es wurde Abend und sie machte ein Feuer im Kamin. Das Radio blieb vorerst unbeachtet und sie setzte sich mit einem Glas Rotwein an den Schreibtisch. Ihre Schreibmaschine würde sie erst am nächsten Tag in Betrieb nehmen. Nach Mitternacht legte sie sich schlafen und schlummerte augenblicklich ein.

Am nächsten Tag wurde sie durch Sonnenstrahlen geweckt, die ihr ins Gesicht schienen. Sie zog sich einen Bademantel über und öffnete die Tür. Ein unwirklicher Anblick wartete auf sie. Im hellen Schein der aufgehenden Sonne erkannte sie, dass alles um sie herum von einer unübersehbaren schwarzen Masse überzogen war. Es sah aus, als ob jemand die Landschaft mit schwarzer Farbe überzogen hätte.

Ein surrealer Anblick. Der Himmel war blau, die Sonne strahlte und am Boden war alles schwarz. Sie sah noch wie eine leichte Wolke schwarzer Partikel sich auf die Oberfläche senkte. Einen Augenblick lang war sie wie gelähmt. Sie konnte nicht glauben, was sie da sah. Dann bemerkte sie, dass sich die schwarze Masse bewegte. Sie hatte die Tür geöffnet und die schwarze Masse bewegte sich in das Haus hinein. Sie stand mitten in der Masse und etwas kroch an ihr hoch. Panik erfasste sie. Sie versuchte sich davon zu befreien und sie schloss die Tür mit einem gewaltigen Knall. „Bleib ruhig!“ rief sie laut. „Bleib ganz ruhig! Keine Panik!“

Nachdem sie sich das schwarze Zeug abgestrichen hatte und die erste Panik verflogen war, begann sie mit der Untersuchung der kleinen Kugeln. Kleine, sonderbare Käfer, die offensichtlich fliegen und krabbeln konnten. Sie legte sich einen der Käfer auf den Schreibtisch, schaltete die Lampe ein und griff zur Lupe, die griffbereit vor ihr lag. Der Käfer war klein und fühlte sich ein wenig klebrig an. Renate betrachtete ihn und konnte nichts Besonderes an ihm feststellen. Ein ganz normaler Käfer eben. Nichts Besonders. Ausser dass er in Massen auftrat. Sie nahm ihre Kamera und wollte ein paar Fotos machen. Die Tür würde sie vorerst nicht öffnen. Sie ekelte sich vor der schwarzen Masse der kleinen Krabbeltiere. Es fiel ihr auf, dass die Käfer alle gleich aussahen. Einer genau so wie der andere. Und sie waren alle rund wie ein Ball.Sie sah ganz genau hin, als im Licht der Schreibtischlampe etwas metallisches aufblitzte. Kurzentschlossen suchte sie einen kleinen Hammer und zerstörte einen der Käfer. Sie war überrascht als sie erkannte, dass es sich um mechanische Miniaturspielzeuge handelte. Sie zerstörte einen und dann noch einen und noch einen der Käfer. Auf dem Tisch blieb so etwas wie Metallspäne liegen. Sie packte einige der sonderbaren Tierchen in ein leeres Glas mit Schraubverschluss. Das würde sie von einem Freund in der Berliner Charité untersuchen lassen. Der Medizintechniker hatte Zugang zu hochauflösenden Mikroskopen.

Sie hatte nun ein paar Stunden damit verbracht, die Miniaturtiere zu untersuchen. Das Haus war geschlossen und es war dunkel. Dann hörte sie Motorgeräusche und schließlich hörte sie menschliche Stimmen und Geräusche von Schaufeln und Fegern. Es klopfte an ihre Tür. Sie zögerte und öffnete dann doch. Ein Mann in einem Vollschutzanzug blickte sie durch die beschlagenen Fenster einer Gasmaske an. Er winkte ihr zu und bedeute ihr im Haus zu bleiben. Dann trat er ein, schloss die Tür und nahm die Maske ab. “Frau Schneider? Sind Sie Frau Schneider?” Renate Schneider nickte. Der Mann blickte sie aufmerksam an und fuhr fort: “Frau Schneider. Sie hätten erst in der kommenden Woche hier sein sollen. Stimmt das?” und ohne ihre Antwort abzuwarten fuhr er fort. “Hier ist heute Nacht eine militärische Übung durchgeführt worden. Es ist absolut ungefährlich für Sie. Wir säubern die Gegend vollständig und müssen nachher auch ihre Datscha reinigen.” Er holte einen Schreibblock aus der Umhängetasche und überreichte ihr eine Erklärung. Sie las aufmerksam was dort stand. Sie sollte unterschreiben, dass sie niemals und unter keinen Umständen über die Vorkommnisse in dieser Nacht sprechen durfte. Alle Reste der schwarzen Masse müssen den staatlichen Organen übergeben werden.

Es blieb ihr nichts übrig, als zu unterschreiben. Das Einweckglas mit dem Schraubverschluss hatte sie zum Glück bereits sorgfältig versteckt, bevor sie die Tür geöffnet hatte.