DER COACH – ROMAN – Auftrag in L.A.


Auftrag in L.A.

Der beste Weg herauszufinden, ob man jemandem vertrauen kann, ist ihm zu vertrauen. (Ernest Hemingway)

Ich hatte mal wieder einen gähnend leeren Terminkalender und klickte mich gelangweilt und ein wenig beunruhigt durch meine eMails, als ich auf die Anfrage eines deutschen IT Managers stieß, der ein Unternehmen im Silicon Valley hatte. Ich traute meinen Augen nicht und glaubte zuerst an einen schlechten Scherz. Aber wie ich es auch drehte und wendete, ich hatte eine Anfrage aus den USA auf dem Schreibtisch. Die Firma gab es wirklich und ein Mann mit dem Namen Markus Wegener stand als Chef im Impressum der Webseite von “GlobalTechnology”.
Zuerst wusste ich nicht so richtig, was er von mir erwartete, dann wurde es mir klar. Der Mann brauchte einen Gesprächspartner für neue Ideen. Er war der Meinung, dass ich der Richtige für ihn sei. Er lud mich nach Los Angeles ein und wollte mit mir eine Woche intensiv arbeiten. Ganz sachlich und trocken. Das war ja unglaublich! Genau so hatte ich mir das immer vorgestellt! Bingo!
Die Konditionen stimmten. GlobalTechnology übernahm die Reisekosten und Spesen und würde bei Vertragsabschluss komplette Honorar sofort auf mein Konto überweisen. 25.000,-EURO plus Spesen für eine Woche Abenteuer. Ich sagte zu und stand eine Woche später am LAX International.
Wegener hatte einen Coach gebucht und hier war ich! Markus Wegener holte mich persönlich ab und einige Minuten später saß ich in einem schwarzen Chevrolet mit dunkel getönten Scheiben. Ich hatte nur eine leichte Reisetasche mitgenommen. Viel brauchte ich nicht. Wir hatten im Vorfeld vereinbart, dass ich keinen Nadelstreifenanzug mitbringen müsste. Wir fuhren auf dem Lincoln Boulevard in Richtung Santa Monica. Ich fühlte mich wie Zuhause. Vor ein paar Jahren hatte ich ein paar Tage privat in Los Angeles verbracht, einfach nur um zu sehen, wie es sich anfühlt, hier zu sein. Es fühlte sich gut an. Schon damals hatte ich davon geträumt hier zu arbeiten. Aber dafür erschien mir mein Englisch nicht gut genug. Nun hatte ich es mit einem Mandanten zu tun, der nichts wollte als eine Woche lang mit einem Deutschen deutsch zu sprechen. Insgeheim war ich auf alles vorbereitet. Vielleicht war es eine Falle und ich tappte als naiver Vollidiot ahnungslos in mein Verderben. Ich hatte zu viele Krimis gesehen. Amerika, das Land der Schusswaffen und Kriminellen? Nein, so war es nicht. Ich hatte genügend intelligente und kluge Menschen kennengelernt um zu wissen, dass es dort wie überall auf der Welt war. In Berlin muss ich auch aufpassen, wann ich mit der U-Bahn fahre und wenn ich nach Brandenburg fahre, stehen auch keine Typen mit Glatze und Baseballschläger an den Ausfallstraßen und warten auf Fremde. Grace hatte immer große Angst gehabt die Stadt zu verlassen. Sie konnte sich nie so richtig entspannen, wenn wir einmal ein Konzert in der Provinz besuchten. Aber uns ist nie etwas passiert. Vorurteile sind dazu da widerlegt zu werden.
Die Wahrheit war, dass Wegener in einer Sackgasse steckte. Er hatte ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut und er begann daran zu zweifeln, dass es so erfolgreich weitergehen würde. Er fühlte sich einsam, umgeben von strahlenden Yuppies, die ihm alles mögliche erzählten aber nicht die Wahrheit. Wegener war ein cleverer junger Mann, aber er brauchte ehrliches Feedback. Er hatte das begriffen und seine Fühler ausgestreckt. Coaching kannte er schon aus den Staaten. Er wollte einen guten deutschsprachigen Coach. “Deutsch ist eine einmalige Sprache!”, erinnerte er mich bei unserer ersten Begegenung. Wir standen auf seiner Terrasse mit dem Blick auf den Pool und das atemberaubende Panorama von Los Angeles am frühen Abend. Ich kannte diesen Blick aus unzähligen Filmszenen im Kino und Fernsehen und ich wusste in diesem Augenblick, dass das von nun an zu meinem Leben gehören würde. es war mein erstes Mandat als deutscher Coach in L.A. und das wurde mein Markenzeichen. Heute werde ich hauptsächlich von Amerikanern gebucht. Aber ich bin immer noch DER DEUTSCHE. Das ist mein Markenzeichen. Seit Christoph Waltz ist das kein Problem. Die Amerikaner lieben ihre Deutschen. Waltz ist Österreicher. Aber das spielt in L.A. nun wirklich keine Rolle.
Wegener hatte mir ein Gästezimmer in seiner Villa einrichten lassen. Ich war sein Gast. Wir verbrachten den Abend miteinander und redeten viel über ihn und seine Erlebnisse in den Staaten. Wegener könnte mein Sohn sein. Er war knapp über 30 und hatte alles erreicht, was er sich erträumt hatte. Er war am Ziel seiner Träume angekommen. Nun suchte er instinktiv nach einer neuen Herausforderung. Alle seine Gesprächspartner erzählten ihm immer nur das, von dem sie annahmen, dass er es hören wollte. Ihm war das völlig klar. Das brachte ihn nicht weiter. Er hatte sich schon mit einigen professionellen Coaches unterhalten. In Kalifornien wimmelte es nur so vor Gurus und Lebensberatern. Es gab Personal Trainer für einen perfekten Körper und Mind Master für die Karriere. Wegener war anders sozialisiert. Viele Dinge konnte er einfach nicht glauben. “Wissen Sie, ich glaube an Erfolg und frische Ideen, aber nicht an UFO’s und Geister!” Wir lachten herzlich über die teilweise kindischen Vorstellungen der unbeschwerten Amerikaner. Ich versuchte mich in seine Lage zu versetzen. Ich konnte es mir leisten ihm sehr viel Zeit zu widmen und nicht auf die Uhr zu sehen. Mein junger Mandant hatte mir jeden Druck genommen. “Erzählen Sie mir von den Coaches, mit denen Sie schon zusammengearbeitet haben!”, schlug ich ihm vor und er begann sofort von seinen Erfahrungen zu berichten. Das erste Eis war gebrochen. Ich konnte es deutlich spüren. Ich merkte aber auch, das er einige Dinge bewusst zurückhielt. Er wollte nicht über alles sprechen. Ich bin immer bestrebt Metaprobleme zu finden, denn hinter jedem offensichtlichen Problem stehen viele kleine Probleme.
Der nächste Morgen begann mit einem Lauf. Frühsport. Markus und ich joggten durch die parkähnliche Landschaft. Die Sonne stieg. Der blaue Himmel war perfekt. Über Downtown hing ein leichter Smogschleier. In der Ferne konnte ich den Pazifik sehen. Nebelbänke lagen über dem Meer, wie so oft.
Wir sagten Markus und Paul zueinander. Markus schien sich auf mich eingestellt zu haben. Heute wollte er mir sein Unternehmen und seine Mitarbeiter vorstellen. Ich würde ihn in den kommenden Tagen begleiten und wir würden sehr viel miteinander reden. Markus Wegener hatte seinen Coach gefunden. ich war mir sicher, dass ich ihn in der Zukunft noch oft sehen würde. Wenn er mich weiter empfehlen würde, dann hätte ich in der kommenden Zeit sehr viel zu tun. Ich freute mich auf die kommende Zeit. Eigentlich konnte ich es immer noch nicht fassen. Ich hatte lange darauf hingearbeitet mit Coaching Geld zu verdienen. Nun schien es fast so, als könne ich mir meine Aufträge aussuchen. Das fing gar nicht mal so schlecht an.

Ich brauchte tatsächlich eine ganze Woche um zu verstehen, was sich um Markus herum abspielte und was sein Problem war. Er war so klug mich nicht sofort mit Problemen und vorgeschobenen Anlässen zu überschütten. Markus wusste schon vorher, was ein Coach leisten konnte und was nicht. Er suchte nicht nach irgendwelchen Problemen die schnell geklärt werden mussten. Er hatte es nicht eilig und das war die beste Voraussetzung für mich. Das, was er mir zahlte waren Peanuts für ihn. Was er von mir bekam, war eine Menge mehr wert. Das war ihm klar. Ich musste ihn nicht überzeugen.

Ich begleitete ihn und lernte sein ganzes Leben kennen. Nach 5 Tagen war klar, dass ich wiederkommen würde. Wir würden uns schreiben und skypen, aber ich würde garantiert wiederkommen und ihn mindestens eine weitere Woche begleiten. Auch das ist Coaching. Ein Coach muss sehr viel Geduld mitbringen, Sicherheit vermitteln und wissen was er tut. Ich weiß genau was ich tun muss und ich habe die nötige Gelassenheit.

Das eigentliche Problem war seine amerikanische Familie. Ich brauchte eine ganze Weile um das herauszufinden. Aber das behielt ich vorerst für mich. Ich war möglicherweise auf der richtigen Spur, konnte es aber noch nicht völlig verstehen. Markus war ein Feingeist. Er dachte und träumte mit der deutschen Sprache. Seine amerikanische Frau war einfach umwerfend schön und klug. Sie war asiatischer Herkunft, hatte grüne Augen und lange schwarze Haare und sie war Anwältin. Sie war eine echte Traumfrau. Sie sprach neben Englisch, fließend Spanisch und Italienisch und sehr gut Französisch. Deutsch konnte sie verstehen, aber kaum sprechen. Markus hatte hier niemand, der ihn wegen seiner scharfzüngigen Bemerkungen und Metaphern bewunderte. Es sprudelte förmlich aus ihm heraus. Seit ich hier war redete er ununterbrochen in seiner Muttersprache. Ich spürte, dass ich auf der richtigen Spur war und beobachtete weiter. Glücklicherweise fragte Markus Wegener nicht ständig nach, ob ich schon Lösungsvorschläge für ihn hätte und wie weit ich sei. Ich brauchte die ganze Woche um zu wissen was da los war. Ein Coach ist auch immer ein Detektiv, erinnerte ich mich. Nichts ist so, wie es erzählt wird und das Offensichtliche ist oft das Falsche. Hier war nichts offensichtlich, nicht einmal sein Anliegen. es war sehr gut, dass er mich einfach nur so verpflichtet hatte ohne mich mit einem allzu offensichtlichen falschen Anliegen zu drängen. Wegener hatte immerhin bereits eine Menge Erfahrungen mit Coaching. Er hatte ein mehrwöchiges Führungskräftetraining gemeinsam mit seinen wichtigsten Managern erlebt und er wusste ziemlich genau was ein guter Coach leisten kann und was nicht. Coaching kommt aus Amerika, das war mein Vorteil. Ich musste ihm nicht erst lange erklären, was ich tun und wie ich es tun würde. Markus Wegener wusste genau, dass ich Zeit brauchte um mich auf ihn einzustellen. Er vertraute mir von Tag zu Tag mehr. Das war eine gute Grundlage für eine Zusammenarbeit.

Seine Firma hatte ihre Zentrale in Los Angeles, weil sie sich mit Software für die Filmindustrie beschäftigte. Auch das war ein Traumjob. Er war Marktführer in seiner Branche. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, unzufrieden zu sein. Aber Markus fühlte sich trotzdem ausgebrannt. Er hatte keinen Burnout im klassischen Sinn. Er langweilte sich eher. Markus Wegener brauchte neue Ziele. Und er brauchte seine Muttersprache als sein schärfstes Werkzeug.

Der Durchbruch kam, nachdem wir uns den neuen Tarrantino in seinem Heinkino angesehen hatten. Wir saßen in gemütlichen Kinosesseln im klimatisierten Keller der Familie und tranken Cola. Das saßen wir nun mit Basecaps auf dem Kopf und sahen den neuen Tarrantino auf deutsch. Er hatte mit eine Kappe mit der Aufschrift “Coach” gegeben und für sich hatte er ein “Coachee” Cape besorgt.

Django – Unchained war ein Meisterwerk. Tarrantino hatte in Christoph Waltz seine neue Muse gefunden. Und er hatte sich in Deutschland verliebt.

Wir sahen den Film und begriffen sofort, das dieser Film eine Chance war. Das Böse hatte, spätestens seit dem furchtbaren industriellen Massenmord an den europäischen Juden, eine Sprache. Deutsch war eine tödlich präzise Sprache. Der Holocoust überdeckte lange Zeit die Schönheit der deutschen Sprache. Goethe und Schiller, Rilke und Thomas Mann, Albert Einstein hatten das nicht verdient. Englisch war auch eine schöne Sprache, aber deutsch war eine Klasse für sich.

In den 2000er Jahren war Englisch zur Werksprache in fast allen deutschen Konzernen und größeren mittelständischen Unternehmen geworden. Niemand bemerkte, dass diese Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil ohne Not über Bord warfen.

Irgendwo hatte ich gelesen, dass bei Porsche die Firmensprache Deutsch geblieben wäre. Ausländische Manager, die bei Porsche anfangen wollten, müßten Deutsch lernen und alle originalen Konstruktionsdokumente wären deutsch. Ich weiß bis heute nicht, ob das tatsächlich so ist, aber mir gefällt die Idee vom Wettbewerbsvorteil durch Sprache. Wenn man diese Idee weiterentwickelte, dann kam der Erfolg der chinesischen Autobauer erst durch die Verpflichtung deutschsprachiger Manager und Ingenieure und eine Firmenkultur, die den Chinesen sehr exotisch vorkommen musste. In Südkorea waren es übrigens auch deutsche Ingenieure, die Hyundai und Co. auf die Erfolgsschiene brachten. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die genannten Automobilfirmen Deutsch als Werkssprache einführen werden.

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